Ihr Sehnen, sein Wähnen
Les frères Jacques» der französischen Gelehrtenrepublik, Jacques Derrida (für die Philosophie) und Jacques Lacan (für die Psychoanalyse), betraten mit ihren geflügelten Sentenzen über das Phänomen des Weiblichen diffiziles Terrain. Derrida dekretierte leichthin und mit ironischem Unterton, die Frau gewähre die Idee, sei also so etwas wie ein personifiziertes Aphrodisiakum, Lacan hielt sie sogar gleich für ein Symptom des Mannes, das als universelles Konzept nicht vorkäme: «La femme n’existe pas».
Paul, dem Trauerkloß in Korngolds Oper «Die tote Stadt», helfen derlei idiosynkratisch-dekonstruktivistische Begriffsübungen wenig. Er kämpft sehr real mit der Tatsache, dass Marie gestorben ist, die verklärende Erinnerung an sie legt sich wie Mehltau auf sein Denken und Empfinden. Und spätestens in dem Moment, als er der Tänzerin Marietta begegnet, besteht das In-der-Welt-Sein dieses Mannes, der zweifelsohne an Akrasie leidet, nurmehr aus Obsessionen. So schwer vernebelt ist sein Blick, dass er daran glaubt, Marietta sei, obwohl sie ihm nur als Projektion, als Einbildung dient, eine konkrete Erscheinung. Und diese Erscheinung ereilt ihn. Unversehens, jäh, hinterrücks, überladen mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Ein Fall für die Theaterwissenschaft: die Rückkehr des Pasticcios auf die Opernbühnen unserer Tage. Musiktheater nicht als musikalisch kohärentes Ereignis, sondern eben, wie der Name schon sagt, als Stückwerk, als Arrangement von Arien, Ensembleszenen, Instrumentalstücken.
In Thom Luz’ neuem Opern-Pasticcio ist es der Mythos, dem sich alles unterzuordnen hat:...
Es ist Frühling in Wien, und sowohl im MusikTheater an der Wien wie an der Staatsoper spielen sie, es mag ein Zufall sein oder doch ein Zeitzeichen, Stücke von Entsagung und Vergebung. Meist geht es ja anders; wo die Oper des 19. Jahrhunderts Ehrensachen berührt, da gibt es eher keine Gnade. Der Vergebungschoral, wie er am Ende von Verdis «Stiffelio» ein...
Aus diesen Mauern gibt es kein Entkommen. In Àlex Ollés Inszenierung von Wolfgang Fortners «Bluthochzeit» blickt man in ein steinernes Verlies. Die hohen Wände reichen fast bis an den Schnürboden heran. Unten sitzen Mutter und Sohn an einer langen Tafel. Genügend Platz für eine große Familie, doch die beiden leben allein wie in einer Gruft.
Die Oper beruht auf dem...
