Vollblut
Nanu, was ist denn das? Den Besucher grüßt beim Betreten des Parketts ein sommerlich-heiterer Bühnenprospekt mit fröhlichen, Luftballons schwenkenden Kids auf der grünen Wiese. Wie ein Foto vom letzten Kindergeburtstag. Davor hocken Kinderdarsteller am Boden; wie sich dann herausstellt, sind es die Atridengeschwister Elektra, Chrysothemis, Orest und Iphigenie in frühem Alter. Nein, man ist doch nicht im falschen Film.
Mit einem klugen Einstieg macht der Szenograf Markus Dietz deutlich, dass die Handlung der «Elektra» von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in kindlicher Traumatisierung wurzelt.
Wenn dann die musikalische Tragödie anhebt, mit dem zerschmetternden Tutti des Agamemnon-Motivs, wird es schnell blutig. Die Kinder besudeln nun die weiß segmentierte Bühnenwand mit Blut aus Eimern, auch von oben rinnt es reichlich rot. Die weiße Wand voller Blut, zunächst hart an der Rampe, dann manchmal zurückgefahren, bleibt das bestimmende Bühnenelement. Sie wird nach und nach ein- und aufgerissen, so dass Zugangslöcher und Fensterhöhlungen entstehen. Die Suggestion eines Palastes verschmilzt mit der einer Höllenszenerie, zumal, wenn der oft schwarze Hintergrund in grelles Rot ...
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Opernwelt April 2017
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Hans-Klaus Jungheinrich
Das Stück ist sakrosankt, unantastbar. Vollendete Vokalkunst. Und einer der tristesten Klagegesänge der Musikgeschichte. «When I am laid in earth», Didos Weltabschiedsarie, trägt den Schmerz einer ganzen Epoche in sich, ist aber zugleich von einer so ätherischen Schönheit, dass man das Leben im Jenseits fast schon wieder als wunderbar imaginieren möchte. Der Tod...
«O douce étoile», seufzt Wolfram, während über der Schneelandschaft Sterne flirren. Und die Hauptfigur heißt nicht Heinrich, sondern Henri. «Tannhäuser» auf Französisch? Wagner hatte seine Oper ja selbst für die Pariser Opéra vorbereitet, in einer Übersetzung von Charles Nuitter. Diese Fassung von 1861 gibt es jetzt an der Côte d’Azur zu hören. Im prunkvollen...
Wie ein Mühlrad rotieren die vier kleinen Räume auf der schmalen Drehbühne. Uns schaudert es beim Anblick dieser schäbigen Enge, in der beschädigte Menschen das Leben der anderen und ihr eigenes zerstören. Marie sitzt melancholisch am offenen Fenster ihrer kleinen Kammer, Doktor und Hauptmann zucken in ihren Räumen, während Andres Hasen ausnimmt und aufhängt. Sie...
