Vive la femme!
Beim Betreten des Zuschauerraums ist das Saallicht halb eingezogen. Der geöffnete Vorhang zeigt eine menschenleere Bühne, einen quadratischen Raum, begrenzt von drei stumpf-silbernen Wänden, entworfen von Mirek Kaczmarek. Noch bevor das Orchester gestimmt ist, der Dirigent den Graben betreten hat, kommen nacheinander Männer und Frauen in strengen Büroanzügen herein, weiße Hemden und Blusen, dunkelgrau sind Jacken, Hosen, Röcke. Im Block formieren sie sich, schreiten martialisch rückwärts, danach emotionslos zur Rampe, wo sie en face zum Publikum verharren.
Unvermittelt sinkt in der ersten Reihe eine Frau zu Boden. Mit abweisender Miene und kaltem Fingerhinweis verbannt sie die Menge aus der Gemeinschaft. «Liberté, Égalité, Fraternité»? Freiheit als Ideal? Durchaus! Brüderlichkeit als Metapher für die Zukunft der Menschheit? Unbedingt! Gleichheit von Geschlecht und sozialem Rang? Das stellt Ewelina Marciniak, die Regisseurin, hier offensiv in Frage. Die Revolution hat ihre Kinder in die Wirklichkeit entlassen. Und die sieht für alle, besonders die Frauen, rau aus.
Spätestens seit ihrem Operndebüt in Bern, und das gleich mit dem «Ring», bei dem der künftige Stuttgarter ...
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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Götz Thieme
Die «glorreichen Sieben» gibt es gleich zweimal. Einmal als Western von John Sturges aus dem Jahr 1960 (die Remakes nicht mitgezählt) und einmal, was für unsere Belange weit wichtiger erscheint, als Liste jener Komponisten, die Philip Herschkowitz verehrte: Bach, Mozart, Beethoven, Mahler, Wagner, Schönberg und Webern. Der Kaiser unter diesen Königen war Beethoven;...
Man stelle sich vor: eine Gefängniszelle, darin die vier mythischen Angeklagten Medea, Antigone, Elektra, Penthesilea. Der Raum bärste vor Energie, Funken schlügen bis zum Himmelszelt hinauf, und vermutlich würden sich die Damen gegenseitig übertreffen in ihrem Bemühen, die tragischste aller antiken Gestalten zu sein. Medea, weil sie für sich reklamiert, die einzig...
Otello ist eine gebrochene Person. Sein Auftrittsruf «Esultate!», obwohl von George Oniani mit metallischer Härte und Kraft herausgeschleudert, hat nichts Triumphales, allein schon wegen des szenischen Arrangements in der Bonner Neuproduktion von Leo Muscato: Das Volk blickt nach vorn, er kommt von hinten. Bemitleidenswert ist er in der Liebesnacht mit Desdemona....
