Vive la femme!

Ewelina Marciniak deutet Poulencs «Dialogues des Carmélites» in Stuttgart als Widerstandsstück gegen patriarchale Gewalt, Cornelius Meister gibt einen brillanten Ausstand als GMD

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Beim Betreten des Zuschauerraums ist das Saallicht halb eingezogen. Der geöffnete Vorhang zeigt eine menschenleere Bühne, einen quadratischen Raum, begrenzt von drei stumpf-silbernen Wänden, entworfen von Mirek Kaczmarek. Noch bevor das Orchester gestimmt ist, der Dirigent den Graben betreten hat, kommen nacheinander Männer und Frauen in strengen Büroanzügen herein, weiße Hemden und Blusen, dunkelgrau sind Jacken, Hosen, Röcke. Im Block formieren sie sich, schreiten martialisch rückwärts, danach emotionslos zur Rampe, wo sie en face zum Publikum verharren.

Unvermittelt sinkt in der ersten Reihe eine Frau zu Boden. Mit abweisender Miene und kaltem Fingerhinweis verbannt sie die Menge aus der Gemeinschaft. «Liberté, Égalité, Fraternité»? Freiheit als Ideal? Durchaus! Brüderlichkeit als Metapher für die Zukunft der Menschheit? Unbedingt! Gleichheit von Geschlecht und sozialem Rang? Das stellt Ewelina Marciniak, die Regisseurin, hier offensiv in Frage. Die Revolution hat ihre Kinder in die Wirklichkeit entlassen. Und die sieht für alle, besonders die Frauen, rau aus.

Spätestens seit ihrem Operndebüt in Bern, und das gleich mit dem «Ring», bei dem der künftige Stuttgarter ...

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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 30
von Götz Thieme

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