Kantable Bosheit
Otello ist eine gebrochene Person. Sein Auftrittsruf «Esultate!», obwohl von George Oniani mit metallischer Härte und Kraft herausgeschleudert, hat nichts Triumphales, allein schon wegen des szenischen Arrangements in der Bonner Neuproduktion von Leo Muscato: Das Volk blickt nach vorn, er kommt von hinten. Bemitleidenswert ist er in der Liebesnacht mit Desdemona. Während die Plejaden und die Venus besungen werden, löst er umständlich seinen Gürtel und sitzt dann, sein Gesicht in den Händen verborgen, wie schluchzend auf der Bettkante, hinter ihm eine ratlose Desdemona.
Wollte der Regisseur hier einen impotenten Feldherrn zeigen? Zu diesem Jammerbild passt auch, dass George Oniani das große, bittere Lamento im dritten Akt («Dio! mi potevi») nur stammelnd und japsend tönen lässt. Eine bemerkenswerte Interpretationsentscheidung, wenn es denn ein solche war! Jedenfalls wurde deutlich, dass der Mord an Desdemona nicht aufgrund übler, niederer Motive geschieht, sondern als Femizid, verübt von einer erniedrigten Person, die aufgrund scheinbar gekränkter Männlichkeit davon besessen ist, nicht anders handeln zu können. So gesehen muss man Otello auf der Bühne gar nicht als Außenseiter ...
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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Panorama, Seite 64
von Richard Lorber
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