Kantable Bosheit
Otello ist eine gebrochene Person. Sein Auftrittsruf «Esultate!», obwohl von George Oniani mit metallischer Härte und Kraft herausgeschleudert, hat nichts Triumphales, allein schon wegen des szenischen Arrangements in der Bonner Neuproduktion von Leo Muscato: Das Volk blickt nach vorn, er kommt von hinten. Bemitleidenswert ist er in der Liebesnacht mit Desdemona. Während die Plejaden und die Venus besungen werden, löst er umständlich seinen Gürtel und sitzt dann, sein Gesicht in den Händen verborgen, wie schluchzend auf der Bettkante, hinter ihm eine ratlose Desdemona.
Wollte der Regisseur hier einen impotenten Feldherrn zeigen? Zu diesem Jammerbild passt auch, dass George Oniani das große, bittere Lamento im dritten Akt («Dio! mi potevi») nur stammelnd und japsend tönen lässt. Eine bemerkenswerte Interpretationsentscheidung, wenn es denn ein solche war! Jedenfalls wurde deutlich, dass der Mord an Desdemona nicht aufgrund übler, niederer Motive geschieht, sondern als Femizid, verübt von einer erniedrigten Person, die aufgrund scheinbar gekränkter Männlichkeit davon besessen ist, nicht anders handeln zu können. So gesehen muss man Otello auf der Bühne gar nicht als Außenseiter ...
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Opernwelt Mai 2026
Rubrik: Panorama, Seite 64
von Richard Lorber
Das Kino hat die Oper beerbt. So zumindest sieht es der Regisseur Davide Livermore, der aus musikgestützten Bühnenwerken gern opulente Bühnen-Filme im Breitwandformat macht. Folgerichtig verwandelt sich Händels «Giulio Cesare» in einen Thriller à la «Tod auf dem Nil». Tolomeo ist monarchischer Eigner eines gleichnamigen Luxusdampfers aus den 1920er-Jahren, sprich:...
Der Teufel turtelt mit einer Nonne. Ein Gartenzwerg, der seine Angel in den Orchestergraben hält, schaut halb neidisch, halb entrüstet zu, wie der Behörnte im feuerroten Wams der Ordensfrau ein ums andere Mal ins Weiche greift. Von bizarrem Humor ist das, in der Darstellung nahezu possierlich, eine Altersempfehlung erst ab 16 Jahren (der «Tannhäuser» läuft in...
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