Verschüttete Erinnerungen
Die Begebenheit ist alt. Sehr alt. Ein Märchen beinahe, aus dem dritten Jahrhundert vor Christi. Es findet sich in den «Jātaka», einer Sammlung von Geschichten, in deren Zentrum Buddha steht – jener «Erleuchtete», der imstande war, sich in verschiedene (menschliche wie tierische) Gestalten zu verwandeln. So eben auch in einen Hirsch. Dieser rettet einen Ertrinkenden vor dem sicheren Tod, befiehlt ihm jedoch, er dürfe nie je seine, Siddharta Gautamas, Existenz offenbaren. Und so geschieht es: Das Geheimnis der wundersamen Rettung bleibt gewahrt. Zumindest mit Worten.
Ein Höhlenbild in China, das mit seinen rund 1000 Jahren auch schon reichlich Patina angesetzt hat, illustriert die Begegnung zwischen dem Lebensmüden und seinem Wohltäter in zarten Farben.
Für ihre Kammeroper «The Nine Jewelled Deer» (zu Deutsch etwa: «Der mit neun Juwelen geschmückte Hirsch»), die nun beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführt wird, haben sich die israelische Komponistin Sivan Eldar und die indische Sängerin Ganavya Doraiswamy an die alte Geschichte erinnert. Doch verharren die Künstlerinnen nicht ehrfürchtig vor der atavistisch-mystischen Allegorie. Eldar – ihre erste abendfüllende Oper «Like ...
Das «unmögliche Kunstwerk» Oper lebt, allen Unkenrufen zum Trotz. Als Beleg mögen abseits der Pflege des kanonischen Repertoires auch und vor allem jene Stücke dienen, die sich mit der Tradition der Gattung auseinandersetzen, dabei aber neue Wege beschreiten. Um solche Werke des Musiktheaters soll es in dieser Rubrik gehen: um Uraufführungen, in denen neue Narrative kreiert werden und die Form selbst auf dem Prüfstand steht, zugleich aber auch jene Rezeption befragt wird, die sich mit der Wiederholung überlieferter Deutungsmuster begnügt. Zu Wort kommen Komponistinnen und Komponisten, Dramaturginnen und Dramaturgen sowie Dirigentinnen und Dirigenten.
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Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Magazin, Seite 79
von Virginie Germstein
Am «Woyzeck» hat Regie-Altmeister Johan Simons einen richtigen Narren gefressen. Dreimal brachte er Georg Büchners Schauspiel auf die Bühne, zuletzt in einer Koproduktion von Burgtheater, Schauspielhaus Bochum (wo Simons seit 2018 Intendant ist) und Akademietheater. 2019 erhielt diese den Nestroy-Preis für die beste Regie. Jetzt nahm sich Simons, der in diesem Jahr...
Im «Peking» ist die Hölle los. Die gleichnamige Stadt aus Puccinis Oper hat sich in ein Casino irgendwo in den Vereinigten Staaten von Amerika verwandelt. Plastikjetons fliegen durch die Luft, Geldscheine wechseln im Eiltempo den Besitzer oder die Besitzerin, Anzüglichkeiten vieler Arten machen die schlüpfrige Runde. Ein Hauch von Las Vegas und seinem fragwürdigen...
Zwischen dem Sockel des Bronzeengels von Peter Anton van Verschaffelt und dem Straßenniveau liegen etwa 48 Meter. Kaum ein Körper, der von der Spitze der Engelsburg in Rom springt, würde unversehrt bleiben. Doch in der Opernwelt ist alles möglich, sogar dass eine der berühmtesten Selbstmörderinnen der Operngeschichte diesen Sprung überlebt. Floria liegt also auf...
