Gott, wo bist Du?
Die Geschichte ist alt, biblisch alt. Geschrieben steht sie im Ersten Buch Mose, Kapitel vier, und erzählt von jenem Mord, der als Menetekel, als Parabel, ja, als Urbild menschlicher Katastrophen taugt. Ein Bruder erschlägt seinen Bruder und wird von Gott dafür gezeichnet.
Die Frage ist nur: Hat er etwas daraus gelernt? Begreift Kain, dass jenes Stigma, dass der HERR ihm auf die Stirn gebrannt hat, auch ein Zeichen für Sühne sein könnte, für Erkenntnis, sogar für die Hoffnung, dass dergleichen nie wieder geschehen möge? Man hat, blickt man auf diese Welt und ihre (auch gegenwärtigen) Verwerfungen, so seine Zweifel.
Auch George Antheil, den viele nur als den Komponisten des «Ballet mécanique» kennen, hatte sie. Und so griff er wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, als er nach einem geeigneten Sujet für eine neue Oper suchte (den Vorgängerwerken «Helen Retires» und «Transatlantic» war nur mäßiger Erfolg beschieden), zu dem alttestamentarischen Stoff und transformierte ihn in die Gegenwart. 1954 gelangte «The Bro -thers» mit Antheils Libretto im University of Denver Theatre auf die Bühne, geriet jedoch, wie das Meiste aus seiner Feder, bald in Vergessenheit.
Zu Unrecht, wie ...
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Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Otten
Am Ende gibt es keinen filigranen Pinselstrich mehr, da greift sie flugs zur breiten Borste. Mit fettem Schwarz übertüncht Senta ihr Gemälde, und parallel dazu färbt sich der heruntergelassene Gaze-Vorhang dunkel – auf dass nichts mehr zu sehen ist vom Holländer und der vierstöckigen Hochzeitstorte, vor der Matrosen und Gäste verröcheln, manche voller Blut; eine...
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Ein Orchester geht in Aufstellung. Die Streicher nach vorne, dahinter Blech- und Holzbläser, die Pulte akkurat im Halbkreis aufgereiht. Es erklingen die ersten Takte von Beethovens «Eroica». Da geschieht das Unerwartete: Eine Geigerin reißt ihr Notenblatt vom Pult. Andere folgen ihrem Beispiel. Immer mehr Notenblätter wirbeln durch die Luft, immer mehr Pulte fallen...
