Verlorene Paradiese
Es ist nicht anzunehmen, dass Werner Egk Kenntnis vom fulminanten literarischen Debüt «The Recognitions» von William Gaddis besaß. Die deutsche Übertragung dieses megalomanen, 1955 erschienenen Romans, der anhand der Geschichte des genialisch veranlagten Kunstfälschers Wyatt Gwyon in süffig-süffisanter Brillanz mit der bigot -ten US-Gesellschaft der McCarthy-Ära abrechnet, wurde erst lange nach Egks Tod in Umlauf gebracht.
Der Titel dieser grandiosen Anverwandlung («Die Fälschung der Welt») hätte dem Komponisten allerdings mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit gefallen; denn auch er war ein Meister subjektiver Geschichtsschreibung – Beleg ist seine Autobiographie «Die Zeit wartet nicht», in der Egk insbesondere sein Wirken während des Nationalsozialismus in zartesten Farben zeichnet und sich post festum sogar zum kafkaesken (Prozess-)Opferlamm Werner E. stilisiert.
Die Realität sah ein wenig anders aus. Während jüdische (Opern-)Komponisten wie Kurt Weill, Erich Wolfgang Korngold oder Arnold Schönberg vor den Nazis ins US-amerikanische Exil flohen, um ihr Leben zu retten, während solche Tonsetzer, denen die Flucht nicht rechtzeitig gelang, in den Konzentrationslagern ermordet wurden ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2024
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jürgen Otten
Die Oper aller Opern – es ist eine viel zitierte Platitüde zu Mozarts unverwüstlichem Wüstling. Das Stück ist aber schwer zu inszenieren und zu musizieren. Schon Johannes Brahms meinte, wolle man einen gelungenen «Don Giovanni» erleben, müsse man in die Partitur schauen. Ganz so schlimm kommt es im Schwetzinger Schlosstheater nicht, dem sommerlichen Spielort des...
Noch unter der ehemaligen Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz war die Neuproduktion von Debussys einziger Oper «Pelléas et Mélisande» geplant worden. Wegen der Pandemie verschob sich die Premiere nun bis nach dem Wechsel der Dirigentin ans Konzerthaus Berlin. Der Qualität des Abends tat dies indes keinen Abbruch: Unter der stilsicheren Leitung von Björn Huestege...
Diese Musik, sagt Barbora Horáková im Programmheft-Interview, sei einfach der Wahnsinn. «Es gibt eine grandiose Nummer nach der anderen.» Damit legt die Regisseurin nicht nur für Orchester und Dirigenten die Messlatte fest, sondern auch für ihre Inszenierung. Überforderung ist das Signum des Werks – seines Helden, der im Lebensrausch alles aufs Spiel setzt; von...
