Verirrungen und -wirrungen
Wer wissen will, wie tief ein Mensch sinken kann, wenn er von Vorurteilen, abgründigem Hass und tiefsitzenden antisemitischen Ressentiments bestimmt wird, sollte jenes Pamphlet lesen, das Houston Stewart Chamberlain 1906 anlässlich seinerzeit aktueller Debatten um die Errichtung eines Heine-Denkmals verfasste.
Darin heißt es, der Dichter der Romantik sei «ein ehrloser Schuft» gewesen, eine «Kanaille», ein «Abgrund von Gemeinheit» durch dessen «bloßen Anblick» man sich «beschmutzt» fühle; auch wälze sich dieser «Revolverjournalist, Pornograph und Witzbold» nicht selten «mit dem Behagen eines Schweines in trivialsten, Brechlust erregenden Obszönitäten». Es ist fürwahr nicht das einzige von Sven Fritz in seiner (im doppelten Sinn) schwergewichtigen Biografie über Houston Stewart Chamberlain angeführte Zitat, in dem die völkische Weltanschauung des britischen Schriftstellers deutlich zu Tage tritt. Aber es ist eines der widerlichsten, zugleich subtilsten. Denn mit keinem Wort erwähnt Chamberlain die Tatsache, dass Heine Jude war; er deutet es nur wortreich an, wenn er schreibt, «dass die kleine Minderheit […], welche die öffentliche Meinung tyrannisiert», entschlossen sei, der Mehrheit ...
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Opernwelt Januar 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 29
von Jan Verheyen
Ja selbst die Dümmsten, ja, die wirklich Doofen,
Die wissen: Hier, der Dings aus Bonn, der Typ
Der taub war und der deshalb ganz schön trüb
Gelaunt war und viel Zeit vor’m Zimmerofen
Verbrachte und den Rest der Zeit die Strophen
Der neunten Symphonie nach Schiller schrieb
Und dabei immer nur Zuhause blieb,
Ganz heiß gar auf stets neue Katastrophen!
Wie hieß der...
Frau Signeyrole, lieben Sie Camus?
Natürlich liebe ich ihn! Meine Mutter stammt – wie er – aus Algerien. Und sie hat ihre Abschlussarbeit in Literatur über Camus geschrieben. Auch ich kenne seine Bücher sehr gut, und schon als Jugendliche habe ich über Herkunft und Erinnerung nachgedacht, Themen, die Albert Camus ein Leben lang faszinierten – was auch ein Grund...
Der Oper wird gern vorgeworfen, sie sei unheilbar gestrig: zu «weiß», zu hierarchisch, nicht divers genug. Auf den zunehmenden Legitimationsdruck reagieren die meisten Häuser eher zaghaft und lagern ihre (Alibi-)Bemühungen bevorzugt in Begleitveranstaltungen aus. Die Amsterdamer Nationaloper geht die Sache offensiv an: Bereits vor einem Jahr kam mit «Anansi» eine...
