Vergessene Wendestücke
Die Bühne erlebte die Revolution schon vier Jahrzehnte vor der Zeit. Vom Sturm auf die Bastille, die das Ancien Régime der französischen Aristokratie aus den Angeln heben sollte, träumten Mitte des 18. Jahrhunderts nicht einmal jene Aufklärer, die das Ohr am Mundwerk des Volkes hatten und alle Pomade aus Sprache und Künsten zu pusten trachteten.
Zweifellos war die von den Enzyklopädisten vom Zaum gebrochene querelle des bouffons, also der Frontalangriff auf die Lufthoheit der tragédie lyrique Lully’scher und Rameau’scher Provenienz, so etwas wie ein Vorklang der politischen und sozialen Umwälzungen, die die grande nation bald gründlich aufmischte. Jean-Jacques Rousseau, der neben Diderot, d’Alembert und Melchior Grimm energischste Wortführer dieser an italienischen Intermezzi (zumal an Pergolesis «La serva padrona») orientierten Opernreform, hatte sogar selbst ein Intermède komponiert, das den Weg in die Zukunft weisen sollte: «Le Devin du Village». Im Oktober 1752 wurde das Werklein uraufgeführt, paradoxerweise am Hof von Fontainebleau. Die Botschaft dieses «Dorfwahrsagers» dürfte dem blaublütigen Publikum (trotz entschärfter Rezitative) kaum gefallen haben: Das Glück geht von ...
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Interim. Das heißt «unterdessen – inzwischen» und bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch ein Provisorium. Das Theater Freiburg lebt damit nun schon im zweiten Jahr, nachdem Generalmusikdirektorin Karen Kamensek sich im Umfeld des Intendantinnenwechsels (Amélie Niermeyer/Barbara Mundel) vorzeitig aus dem Amt zurückgezogen hatte und die Nachfolgesuche sich...
Wenn es um Bühnenwerke von Jake Heggie geht, ist es müßig, à la «Capriccio» über die Frage nach dem rechten Verhältnis von Musik und Sprache («prima la musica, poi le parole») zu debattieren. Seit der in San Francisco lebende Komponist Noten setzt, hat er vor allem Texte vertont – zunächst schrieb er Songs, dann Opern («Dead Man Walking») und «musical scenes». Die...
Rossini-Opern, hat man ihre Funktionsweise erst einmal durchschaut, machen glücklich. Die großen dramatischen Konfrontationen laufen wie Schneeballschlachten ab: Die Kontrahenten schleudern sich in wachsender Erregung Koloraturen-Salven ins Gesicht. Lyrische Gefühle klettern hingegen auf langen Koloraturen-Treppen gen Himmel und wieder hinab. Dramatik setzt sich...
