Vergessene Wendestücke
Die Bühne erlebte die Revolution schon vier Jahrzehnte vor der Zeit. Vom Sturm auf die Bastille, die das Ancien Régime der französischen Aristokratie aus den Angeln heben sollte, träumten Mitte des 18. Jahrhunderts nicht einmal jene Aufklärer, die das Ohr am Mundwerk des Volkes hatten und alle Pomade aus Sprache und Künsten zu pusten trachteten.
Zweifellos war die von den Enzyklopädisten vom Zaum gebrochene querelle des bouffons, also der Frontalangriff auf die Lufthoheit der tragédie lyrique Lully’scher und Rameau’scher Provenienz, so etwas wie ein Vorklang der politischen und sozialen Umwälzungen, die die grande nation bald gründlich aufmischte. Jean-Jacques Rousseau, der neben Diderot, d’Alembert und Melchior Grimm energischste Wortführer dieser an italienischen Intermezzi (zumal an Pergolesis «La serva padrona») orientierten Opernreform, hatte sogar selbst ein Intermède komponiert, das den Weg in die Zukunft weisen sollte: «Le Devin du Village». Im Oktober 1752 wurde das Werklein uraufgeführt, paradoxerweise am Hof von Fontainebleau. Die Botschaft dieses «Dorfwahrsagers» dürfte dem blaublütigen Publikum (trotz entschärfter Rezitative) kaum gefallen haben: Das Glück geht von ...
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Statt der Anekdote die Beinahe-Tragödie. Statt des gemütlichen Ambientes der Garmischer Richard-Strauss-Villa der sich öffnende und schließende, der immerfort kreisende Gasometer, aus dem es für die einsame Ehefrau Christine (alias Pauline) kein Entkommen gibt. Die Zürcher «Intermezzo»-Inszenierung Jens-Daniel Herzogs in der nüchtern-sachlichen Ausstattung Mathis...
Irgendeinem höheren Opernspielplangeist muss vor einiger Zeit «so nach Tamerlan zu Mut» gewesen sein, wie es schon 1922 in dem frechen Nelson/Tucholsky-Chanson hieß. Wie sonst wäre zu erklären, dass Händels düster-meisterhafte Tyrannen-Oper von 1724 über den blutrünstigen Tartarenfürsten und seine grausamen Taten am Hof des unterworfenen Byzanz weltweit fast...
Johann Simon Mayr (1763-1845), einer der erfolgreichsten Opernkomponisten seiner Zeit, war lange nur als Lehrer Donizettis ein Begriff. Die beispiellose Renaissance, die sein Schüler in den letzten fünfzig Jahren erlebte, hat auch das Interesse an Mayrs Werken neu entfacht. Aufnahmen seiner Opern «Medea in Corinto» und «Ginevra di Scozia» dürften zur...
