Lange nicht gesehen
Es muss nicht immer der Kanon sein. Auch in den Moskauer Opernhäusern bemüht man sich um die Werke, die man im Mainstream vergeblich sucht. Gleich drei Produktionen legten davon Zeugnis ab.
Am Musiktheater Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko (MTSNM) stand «Die Mainacht» von Rimsky-Korsakow auf dem Spielplan. Nicht gerade ein Meisterwerk, aber ein Publikumsrenner mit saftigen Genreszenen und mystischen Spielereien. Stanislawski führte die Oper 1928 in seinem Studiotheater auf, 1986 wurde sie wieder ausgegraben.
Als Dorfältester stand damals – wie heute – Leonid Simnenko auf der Bühne, der die Partie auch diesmal mit überzeugender Verve sang. Die Inszenierung von Alexander Titel zeichnet sich zwar nicht durch Einfallsreichtum aus, hat aber eine gewisse Eleganz. Traditionelle ukrainische Folklore verbindet sich mit Symbolen und Figuren des heutigen Lebens. So erinnert die Schwägerin des Dorfältesten mit ihrem voluminösen, um den Kopf gewickelten Zopf unverkennbar an Julia Timoschenko, die Premierministerin der Ukraine. Die Ouvertüre ist mit geschickt gereihten Propagandabildern aus Chroniken der Stalin-Ära unterlegt, die von der Leistungsfähigkeit ukrainischer Kolchosen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
2006 wurde in Köln Jan Müller-Wielands «Held der westlichen Welt» präsentiert – ein buntes Stil-Crossover mit prächtigen (Quasi-)Zitaten zur schwarzen Komödie des John M. Synge: Das trunkene, maulheldenhafte, trostlose Irland von 1907 diente einem Hartz-IV-Musiktheater mit Berliner Volksbühnen-Charme als Vorlage. Nun kam mit «Rotter» das Gegenstück an den...
Bühnenbildner Michael Levine hatte für Robert Carsens «Elektra»-Inszenierung den Boden mit Erde bedeckt – ein Bild, das ebenso an Begräbnisse wie an Verdrängtes denken ließ, das es auszugraben gilt. Abgesehen von einem Beil, mit dem Susan Bullock als kompromisslos wütende Elektra in dem schmutzigen Grund herumkritzelte, war ein schneeweißes Bett, auf dem Agnes...
Mit ihrer Überfülle an Musik, die man schon bei der Münchner Premiere 1781 durch drastische Striche kanalisieren musste, ist «Idomeneo» Mozarts reichste, experimentellste Oper. Bereits in der Ouvertüre mit ihren abrupten Einbrüchen wetterleuchtet jene nervöse Erregtheit, die das Psychodrama der Leidenschaften bestimmt, in dem die allesamt durch den Krieg...
