Unvereinbare Welten
In anderen Zeiten würde man vermutlich die «Meistersinger» spielen: als kraftvolle Eigenbespiegelung, als selbstbewussten bis selbstgewissen Diskurs über eine prinzipiell ungefährdete Kunst – obgleich, gottlob, die (Regie-)Zeiten vorbei sind, als man der Deutschen Festoper von der finalen halben Stunde her gedachte.
Doch die Verhältnisse sind so: Dass sich Berlin, Dresden, Essen oder Gelsenkirchen auf die älteste Opernhandlung überhaupt besinnen, auf den die Unterwelt besänftigenden Orpheus, ob von Claudio Monteverdi oder Christoph Willibald Gluck, das hat nur bedingt etwas zu tun mit reduzierten, Pandemie-tauglichen Besetzungen.
Ob zurück auf Los oder zu den Wurzeln: Vom Ertasten einer neuen, ungewohnten, auch feindlichen Welt kündet dieser Mythos, von der so gefährdeten Macht der Musik, vom Licht im Tunnel, von der Formwerdung der Oper überhaupt, auch und erst recht bei der Reformwerdung eines Gluck. Was das mit uns zu tun hat, gerade jetzt, das führen besonders die Premieren in Augsburg (mit Monteverdis «L’Orfeo») und Nürnberg (mit Glucks «Orfeo ed Euridice») vor. Beide versuchen sich an einer Herholung, an einer Verheutigung. Was mal besser, mal verbesserungsfähig gelingt.
Das ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 16
von Markus Thiel
Anfang September nahm das Bolschoi Theater wieder den Spielbetrieb auf. Hinter der Bühne warnte ein Schild: «Es ist verboten, die Solisten zu umarmen. Bitte machen Sie keine Fotos mit dem Ensemble.» Zuvor war Russlands größtes Opernhaus für einige Monate geschlossen gewesen, seit dem späten Frühjahr wurden alle regulären Vorstellungen abgesagt, Neuproduktionen...
Don Juans musikalische Bühnenkarriere begann bereits 100 Jahre vor Mozart mit der 1669 im Privattheater der Adelsfamilie Colonna uraufgeführten Oper «L’empio punito» («Der bestrafte Gottlose») von Alessandro Melani (1639–1703), der seit 1667 als Kirchenkomponist in Rom wirkte. Mit ihrer deftigen Komik und expliziten Erotik ist Melanis Dramma per musica noch...
Der Wiener Jugendstil, so hat es Nike Wagner einmal poetisch und zutreffend formuliert, sei die «Kunst der Träumerei entzügelter Nerven». Symptomatisch für diese Zeit steht Alexander Zemlinskys Oper «Der Traumgörge» von 1907. Dessen Titelheld ist ein Träumer, der sich in Bücher versenkt und seine lebenslustige Braut Grete lieber dem bodenständigen Hans überlässt....
