Unter Leuten

Tschaikowsky: Eugen Onegin in Hannover

Opernwelt - Logo

Faltenröcke machen früh alt. Jener, in dem die verträumte Bücherratte Tatjana steckt, lässt die junge Frau zu Beginn bereits wie ihre eigene Oma aussehen, die mit Vorliebe vom Damals erzählt, als die Zukunft noch so viel besser war. Doch die Schwärmerin singt sich in ihrer Briefszene empor aus dem wohlsortiert-langweiligen Landleben jenes Spießbürgeridylls, das Susanne Gschwender da in ihrem wunderbar wandlungsfähigen Einheitsbühnenbild ersonnen hat.

Die mächtig hohe Halle von Larinas Gutshaus könnte aus besseren russischen Provinzkreisen der 1950er-Jahre stammen; sie markiert messerscharf die Mitte zwischen privatem und öffentlichem Raum, in dem den Blicken und Ohren des Chorkollektivs garantiert nichts Intimes verborgen bleiben kann. So trällern die beiden Schwestern Olga und Tatjana ihr Liedchen zur Klavierbegleitung lieber im hintersten Winkel der teuren Halle als bestmöglichem Rückzugsort. Wie es sich für anständige Leute auch auf dem Lande gehört, stehen die Regale voller Bücher, hängen romantische Gemälde dichtgedrängt an den grüngraulichen Wänden und steht eben ein Klavier in der Ecke. 

Als nach dem Eifersuchtseklat beim Fest zu Tatjanas Namenstag, bei dem sich die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt 7 2022
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Peter Krause

Weitere Beiträge
Lob des Dazwischen

Dass ihre Oper bis zur Uraufführung am Theater Freiburg derart an Brisanz gewinnen sollte, hätten sich Librettist Clemens Bechtel und Komponist Fabrice Bollon vermutlich auch nicht träumen lassen. Doch seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine sind so manche Gewissheiten der westlichen Welt diffundiert. Und die Frage des Dafür, Dagegen oder Dazwischen hat eine...

Die Schutzlosen

Ich sah Hectors Schatten wie einen einsamen Wächter über unsere Wälle schreiten», das singt Cassandre in ihrem großen Auftritts-Air im ersten Akt, nachdem der gläsern-luftige Chor der Trojaner, die sich der Illusion des Kriegsendes begierig hingeben, in schrillen Bläserfanfaren jäh verklungen ist. Jubelchöre, Staatsaktionen und hysterische Massenbegeisterung, die...

Damals wie heute

FOKUS ´33» heißt die neue Reihe, mit der die Oper Bonn verstärkt Werke ins Blickfeld rückt, die nach 1933 oder ab 1945 aus den Spielplänen verschwanden. Nach Rolf Liebermanns «Leonore 40/45» und Giacomo Meyerbeers «Ein Feldlager in Schlesien» – immerhin Komponisten, deren Namen man kennt – hatte jetzt die seit 1945 nicht mehr aufgeführte Oper «Li-Tai-Pe» des...