Unter Kitschverdacht
Am Ende steht ein roter Punkt. Er prangt auf einem überdimensionalen Schwarzweißfoto, das die tote Mimì zeigt. Schon drängen sich die Atelier-Besucher um das Bild der Toten. Das Sterben als Attraktion, als Kunstwerk, als Ware. Tod geht immer gut. Eine sichere Nummer auf jeder Vernissage. Das Bild der Hingegangenen mit rotem Punkt – schon verkauft.
Andrea Moses hat an der Oper Stuttgart «La Bohème» inszeniert. Es ist ihre letzte Arbeit als Hausregisseurin. Vor dem Abschied aus einem Team, in dem sie nie zu ihrer Bestform fand.
Mit dieser «Bohème» setzt Andrea Moses auch selbst einen Punkt, den (vorläufigen) Schlusspunkt unter die Liaison mit einem Theater und Ort, an dem sie nicht wirklich heimisch wurde. Das Premierenpublikum mag das gespürt haben – stürmischer Beifall für eine Sicht auf Puccinis Klassiker, die die Regisseurin zusammen mit dem für seine Schwarzwald-Pop-Art bekannten Offenburger Künstler Stefan Strumbel entwickelte. Eine «Bohème» mit rotem Punkt sozusagen. Eine, die sich vermutlich gut verkaufen wird. Doch hält, was auf den ersten Blick schillert, auch einem zweiten oder dritten stand? Die Produktion zehrt vor allem von Strumbels bizarr-schriller Heimatbilderwelt. ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Alexander Dick
Die Neuinszenierung von Frank Hilbrich bestätigt es: Die scheinbar leichte, heute etwas bemüht-brillant wirkende «Jazz-Oper» von 1927 ist nicht leicht zu realisieren. Mit ihr huldigte der blutjunge Avantgardist Ernst Krenek dem Zeitgeist der Goldenen Zwanziger – der Wagnerismus, dem noch Strauss und Schreker mit ihren lyrischen Musikdramen beseelt gefolgt waren,...
Müssen wir uns den Hagener Intendanten Norbert Hilchenbach als glücklichen Menschen vorstellen? So wie Albert Camus den mythischen Sisyphos und dessen hoffnungslose Mühsal in seinem berühmten Essay als Glück beschrieb? Schon bevor Hilchenbach 2007 sein Amt antrat, hatte das Haus mit Existenznöten zu kämpfen. Seither hat sich die Lage weiter verschärft, doch der...
Nach dieser Aufführung möchte man sprachlich Fahnenflucht begehen, die abgewohnten Worte hinter sich lassen. Denn das, was man an diesem Abend, bei Romeo Castelluccis beklemmender, weit über das Theatralisch-Szenische hinausgehender Exegese von Glucks «Orfeo ed Euridice» erlebt, entzieht sich jeder üblichen Beschreibung.
Bei seiner Annäherung an den...
