UNGESTILLTES VERLANGEN
Drei Opern, drei Antlitze des Todes: «Il tabarro» endet mit einem Mord, «Suor Angelica» im Suizid, «Gianni Schicchi» schließlich bekundet Leben und Tod als Zutaten ein und derselben Komödie. Für «Il tabarro» liefert Tobias Kratzer eine präzise Milieustudie der Pariser Seineschiffer. Darin verwoben die ebenso banale wie realistische Dreiecksgeschichte um Michele, seine junge Frau Giorgetta und deren Liebhaber Luigi. Zum Mord kommt es fast beiläufig: Michele nutzt den bloßen Zufall, um seinen Rivalen zu beseitigen. Dessen Tod zieht den Schlussstrich unter eine Liebe ohne Zukunft.
Was er und Giorgetta für sich erträumten, ist jenseits ihrer sozialen und ökonomischen Lebenswelt angesiedelt, es ist illusorisch.
Ausstatter Rainer Sellmaier arbeitet auf den ersten Blick dem Verismo des Werks detailliert zu. Doch bei näherem Hinsehen erweist sich die Collage aus Schiffsführerhaus, Kajüte und Laderaum, mit der Sellmaier das Bühnenportal füllt, als der Düsternis und den irritierenden Blickwinkeln einer Graphic Novel wie etwa Frank Millers «Sin City» verpflichtet. Alain Altinoglu und das Orchestre Symphonique de la Monnaie drängen mit zügigen Tempi das Drama in die unvermeidliche ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Michael Kaminski
Das Jahr der Kollektive nimmt Fahrt auf. Die documenta 15 wirft mit ihrem indonesischen ruangrupa--Kuratorium lange Schatten voraus. Aber je näher das Top-Ereignis der Kunstwelt rückt, desto nebulöser wird, was in Kassel außer Diskursen im internationalen NGO-Jargon eigentlich stattfinden soll. Längst hat sich das, was man früher «Bildende Kunst» nannte, geweitet –...
Die Tonart verheißt nichts Gutes. Es-Moll, das riecht nach Tod, in manchen Fällen auch nach einer gewissen Art von Tod. Und die gute Liù weiß, dass ihr ein solch harsches Ende droht, weiß es seit dem ersten Akt, als ihr dieses tieftraurige es-Moll schon einmal begegnete, in jenem andante triste, als das Volk von Peking, leider vergeblich, um Gnade für den jungen...
Demokratie ist Diskussion. Sie muss Meinungsäußerungen der einen Seite aushalten, die für die andere eigentlich unerträglich sind. Die Rede des einen erlaubt die Gegenrede des anderen. Der Geist der Freiheit will es so. Die Griechen, deren Vorfahren einst die Demokratie erfanden, sind geübt darin, sie vertreten dieses Recht mit enormer Leidenschaft – lautstark und...
