Und das Schöne lebt nur im Gesang
Wo anfangen, wo enden? Diese Frage wird sich vermutlich auch der Autor dieses bestechend kaleidoskopischen Ideen-Panoramas gestellt haben. Die Antwort darauf aber muss weder Norbert Abels noch sonst jemand finden. Der «Stoff, aus dem die Opern sind» gibt sie selbst: die Fülle der Gedanken(spiele) und Assoziationen, die nie je von Blässe angekränkelt sind, sondern durchflutet von einem enormen Wissen, von der Kenntnis nicht nur einer «Materie», und vor allem von der stupenden Lust auf Mitteilung, die sich schon im Titel andeutet.
«Tonfabeln», heißt der dritte Teil einer Trilogie, die der Dramaturg, Dozent, Publizist, Musiker und Homme de lettres vor gut 15 Jahren mit dem «Ohrentheater» begonnen hatte; ihre Fortsetzung fand sie mit dem Essay-Band «Notenlese», nun folgt der krönende Abschluss, wiederum in drei Teilen: Der erste Abschnitt «Cantus facio, ergo sum» beschreibt mit gleichsam cartesianischer Strenge Wesen und Wirkung von Musik und Ästhetik und denkt über die synkretistische Kunstform Oper nach. Im Mittelblock («Over the rainbow») wirft der gewiefte und (musik-) geschichtsphilosophisch überaus bewanderte Dramaturg noch einmal einen tiefsinnigen Blick auf die beiden Genies ...
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Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Medien, Seite 49
von Jürgen Otten
Musik bewegt sich immer in der Zeit – selbst im Falle rigoroser Verweigerung muss sie irgendwann weiter, und wenn es in einem Jahr ist. Ein Gemälde ist offensichtlich das Gegenteil davon; alles, was darauf zu sehen ist, wurde hineingezwungen in einen ewigen Stillstand. Umso schneller, das hat eine ironische Seite, kann der Mensch, der es sich anschaut, weitereilen....
Lullys «Bellerophon» von 1679, wo der Held die dreigestaltige Chimäre in einer spektakulären Flugaktion auf dem Wunderpferd Pegasus – ein Triumph der Bühnenmaschinerie – besiegt, hatte sich ein Jahr lang in Paris auf der Bühne gehalten und wurde auf königlichen Wunsch im Januar 1680 in dessen Residenz in Saint-Germain-en-Laye neu produziert, wenige Wochen vor der...
Siebenundzwanzig Takte gewähren nicht gerade viel Zeit und Raum, so man eine dichtgewebte Atmosphäre kreieren möchte. Giuseppe Verdi jedoch genügten sie, um das Meer vor Genua in klangmalerische, fast impressionistische Töne zu fassen – wie es wogt und schäumt, sanft hin- und herschaukelt in der Abendsonne, wie es erst vorsichtig (pianissimo), später dann, ab Takt...
