Tugend ohne Gott
Der Essay ist schon etwas in die Jahre gekommen, von seiner Aktualität aber hat er nichts eingebüßt. 1965 war es, als Susan Sontag sich in ihrem Text «Gegen Interpretation» mit der Frage beschäftigte, welchen Wert die Kunst habe (haben solle, ja, haben müsse) und was sie auszurichten imstande sei. Neben vielen anderen klugen, hegelianisch-dialektisch geschärften Gedanken findet sich darin ein Satz, der zeitlos schön zum Ausdruck bringt, worin der tiefere Sinn von Kunst bestehen könne: «Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns nervös zu machen.
» Damit ist eine Qualität von Kunst beschrieben, die über das rein Hermeneutische (das von Susan Sontag ohnehin sehr kritisch beäugt wird, weil es die Kategorie der sinnlichen, also rein ästhetischen und erotischen Überwältigung ausschließt) hinausreicht. Nach Ansicht der US-amerikanischen Publizistin und Kulturkritikerin liegt der höchste und befreiendste Wert in der Kunst in ihrer Transparenz. Damit meint Sontag die «Leuchtkraft des Gegenstandes selbst, der Dinge in ihrem Sosein».
Sosein beschreibt seit den alten Griechen zugleich die Fähigkeit zur Mimesis, zur Nachahmung der Wirklichkeit (wobei nie ganz klar war und ist, woraus genau diese ...
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Opernwelt Jahrbuch 2024
Rubrik: Aufführungen des Jahres, Seite 50
von Virginie Germstein
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