Treibende Dramatik
Hans Gál (1890-1987) gehört zu den vielen, von den Nazis vertriebenen Künstlern, denen es nicht gelang, nach 1945 wieder im Musikbetrieb Fuß zu fassen. Der stilkonservative Spätromantiker, der wie Walter Braunfels und Erich Wolfgang Korngold an der erweiterten Tonalität festhielt, entsprach nicht mehr den Erwartungen der Zeit. Inzwischen liegt ein Großteil seines umfangreichen Schaffens – Sinfonien, Konzerte, Kammer- und Klaviermusik – auf Tonträgern vor. Mit der 1926 uraufgeführten Oper «Das Lied der Nacht» erscheint jetzt erstmals eines seiner Bühnenwerke.
Das Theater Osnabrück hat die «dramatische Ballade» 2017 erfolgreich wiederaufgeführt (siehe OW 6/2017). Was das Label cpo vorlegt, ist allerdings kein Mitschnitt, sondern eine eindrucksvolle Studioproduktion in teilweise neuer Besetzung.
Gáls Oper ist das Psychogramm einer autistischen Kindfrau – der Erb-Prinzessin Lianora, die sich dem Zwang zur Ehe und der besitzergreifenden Gewalt ihres Vetters Tancred widersetzt, allnächtlich aber der Stimme eines namenlosen Sängers verfällt, die gleichsam aus ihrem Innern ertönt. Als Tancred sie vergewaltigen will, ist es der fremde Sänger, der sie rettet. Doch als er vor dem ...
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Opernwelt Februar 2019
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Uwe Schweikert
Wie soll man dem fortschreitenden Irrsinn im gegenwärtigen Weltgeschehen mit musiktheatralischen Mitteln beikommen? Mit hochdepressiven Stücken wie, sagen wir, Janáčeks «Totenhaus» oder Dallapiccolas «Prigioniero»? Es gibt eine viel wirkungsvollere Methode, denn, ach ja, da war doch mal ein Komponist, der in ähnlich krisengeschwängerter Zeit mit Witz und Aberwitz...
Er hat es geschafft, wieder einmal. In einem unmöglichen, halb verunglückten, krausen Kunstwerk den zeitlos gültigen Kern freizulegen. Zu jenen verborgenen Kräften vorzudringen, die von Anbeginn die menschliche Existenz befeuern – im Guten wie im Schlechten. Liebe und Hass, mit allen Zwischentönen – das ist das große, nie erledigte Thema, dem sich Christof Loy...
Frau Fassbaender, Frau Mallwitz, der verstorbene Kulturmanager und Intendant Gerard Mortier hat einmal die Forderung formuliert, Oper müsse ein Ort sein, der gegen die materialistische Gesellschaft vorgeht. Stimmen Sie dem zu? Oder ist Oper einfach nur ein Ort, der stimuliert, sinnliche Erfahrungen produziert, also vor allem kulinarische Bedürfnisse bedient?
B...
