Trauer, ohne Sentimentalität
Am 8. März dieses Jahres ist der Komponist und Dirigent Michael Gielen gestorben – einer der scharfsinnigsten Musikpraktiker unserer Zeit. Was immer er anpackte, stets ging es ihm um das (unvollendete) Projekt der Moderne. Als Generalmusikdirektor der Oper Frankfurt setzte Gielen ein neues, an der Gegenwart orientiertes Musiktheater durch – gemeinsam mit Operndirektor Christof Bitter und dem Chefdramaturgen Klaus Zehelein.
Persönliche Erinnerungen an einen Künstlerdenker, der sich zeitlebens Aufklärung und Avantgarde verpflichtet fühlte und das Risiko als einzige Konstante der Theaterarbeit begriff
Vor über 40 Jahren schrieb Michael Gielen, was als Credo seiner künstlerischen Arbeit gelesen werden kann, als Ansatz unserer gemeinsamen Auseinandersetzung mit der Oper Frankfurt, die von 1977 bis 1987 währte: «Nur Kompromisslosigkeit in der Behandlung des historisch gewachsenen Materials garantiert Authentizität, wahre Reflexion des historischen Moments; der technische Stand ist der geistige. Beethoven, Berlioz, Wagner, Mahler, Schönberg waren die avanciertesten Komponisten ihrer Zeit und zugleich die, welche die Konflikte der Gesellschaft und des Individuums ihrer Zeit am ...
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Opernwelt Mai 2019
Rubrik: Essay, Seite 56
von Klaus Zehelein
Wolfgang Rihms «Jakob Lenz» hat in Frankreich gerade Konjunktur. Zwei Monate vor dem Festival in Aix-en-Provence, bei dem Andrea Breth ihre Stuttgarter Deutung erneut vorlegen wird (am Pult: Ingo Metzmacher), war das Stück nun bereits im Pariser Théâtre de l’Athénée zu erleben, das sich unter der Leitung seines Direktors Patrice Martinet seit Jahren verstärkt dem...
Ein Schrei aus dem Dunkel. Grässlich, schrill und outriert. Man wartet aufs «Triff noch einmal» Elektras, doch dies hier ist nicht Strauss’ Atridenoper, sondern Manfred Trojahns Weiterdenken, es ist «Orest». Und Klytämnestras Todesschrei zu Beginn stellt nach Aussage des Komponisten eine artifiziell formulierte Erinnerung an Strauss dar.
Mittlerweile wird Orest...
Tschaikowsky hielt sie für seine beste Oper – und das will etwas heißen bei diesem stets an sich selbst zweifelnden Komponisten: «Tscharodeika» oder «Die Zauberin» aus dem Jahre 1887 (genau genommen müsste der deutsche Titel eigentlich «Die Bezaubernde» lauten), ein Werk, das (fast) niemand kennt. Nun die französische Erstaufführung in Lyon: eine Wucht! Zwar...
