Im Taumel der Tragödie: Corinne Winters (Violetta); Foto: Theater/Sandra Then
Totentanz
Violetta hebt ihr eigenes Grab aus. Sie, die hör- und spürbar am Leben hängt, im letzten Augenblick noch das Glück der Liebe erfährt. Falsch? Oder Korrektur einer schönfärberischen Vorstellung? Eben war noch der Karnevalstrupp wie ein Spuk hereingehuscht. Das vierte Bild von Verdis «La traviata» in Daniel Kramers Basler Neuinszenierung ist der düstere optische Widerhall der vorausgehenden. Violetta, die Gestalt im Mittelpunkt, geht immer weiter auf Distanz zur Sex- und Jux-Kommune, die anfangs in den pianissimo-Schluss des Vorspiels geplatzt war und sich fortan austobt.
Die Damen und Herren der Pariser Halbwelt präsentieren sich in grotesken Outfits (Kostüme: Esther Bialas), auf das Absurdeste be- und entkleidet, mit tollkühn neobarockem Kopfputz, in angeregtester erotischer Vollbeschäftigung. Lizzie Clachan entwarf für den blütenweißen Ball ein glitzerndes Raumrund, mit Leuchtsäulen und Spiegeleffekten allüberall. Ein Bild, das über das Landidyll steil bergab in jene Sphäre führt, da der Taumel der Tragödie weicht. Der Dreivierteltakt als Basis eines Totentanzes. Dem Intendanten der koproduzierenden English National Opera gelingt ein angemessenes Porträt: Niedergang einer ...
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Opernwelt Dezember 2017
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Heinz W. Koch
Es ist nicht eben die beste aller theatralen Welten, die Leonard Bernstein und sein Librettistenteam mit «Candide» auf die Bühne stellen: Das Stück ist undramatisch, episch, besteht aus einer Folge aneinandergereihter Bilder, die durch erklärende Sprechtexte miteinander verknüpft werden. Also eigentlich die ideale Vorlage für eine konzertante Aufführung – so, wie...
«Das war nicht leicht zu machen», notierte Paul Hindemith in seinem Werkverzeichnis über die Arbeit an der Erstfassung von «Das Marienleben» auf Gedichte von Rainer Maria Rilke (1922/23). Zugleich war er stolz auf «das Beste», was er je gemacht hatte. Der gleichen Ansicht war Glenn Gould, der vom «größten je komponierten Liederzyklus» sprach, den der Komponist...
Um «Don Giovanni» grundstürzend neu zu hören, muss man nicht zu Teodor Currentzis in den Ural oder zu Jérémie Rhorer nach Aix reisen. Heidelberg tut’s auch. Was Elias Grandy und sein Orchester dort aus der Oper aller Opern herauskitzeln, putzt auf ähnlich atemberaubende Weise die Ohren aus, lässt uns Mozarts Musik ganz neu hören. Grandy schärft die dynamischen...
