Tiefenbohrung
Sehnsucht nach neuem Musiktheater – das ist in Moskau nichts Neues. Doch auf eine so produktive Spielzeit wie die letzte hat die Stadt lange warten müssen. Jetzt wurden die hochgespannten Erwartungen sogar übertroffen. Zumal die Uraufführungen wirkten wie Kampfansagen der zeitgenössischen Oper an die verhängnisvolle politische Entwicklung Russlands: eines Staates, in dem Krieg und Korruption zu einer Art normalem, kaum mehr in Frage gestellten Background geworden sind. Wir sprechen freilich nicht von direkten Interventionen, sondern von Kritik mit ästhetischen Mitteln.
Zu den wagemutigen Instituten gehört das Kammermusiktheater Boris Pokrowski, das gleich zwei neue Werke herausbrachte. Alexander Manozkows «Titij Bezuprecnyj» («Der unbescholtene Titus») beruht auf dem gleichnamigen Stück von Maxim Kurotschkin (2008), einer Paraphrase auf Shakespeares «Titus Andronicus». Das Thema: die Mechanismen des totalitären Staats. Das Libretto schrieb der Schauspielregisseur Wladimir Mirsojew, die durchdachte, hermetische Partitur verknüpft Schönbergs Zwölftonmusik, indische Raga-Akkorde, an Weill erinnernde Motive und Barock-Reminiszenzen. Musikalisch hebt diese «kosmische Oper» herrlich ab – ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 98
von Alexei Parin
Niemals stand der Amerikaner Alan Curtis im Verdacht, der temperamentvollste, unberechenbar genialischste Überflieger der Alten Musik zu sein. Er wirkte besonnen, dienstfertig und defensiv. Führt man sich die enorme Zahl seiner Ersteinspielungen von Barockopern vor Augen, die eine Entstehungszeit von knapp einem halben Jahrhundert umspannen, so steht man betroffen...
Darüber, ob Franziska Martienßen-Lohmann (1887–1971) die bedeutendste Gesangspädagogin des 20. Jahrhunderts war, kann man streiten. Der Superlativ hat etwas Zwanghaftes. Dass sie die einflussreichste Gesangslehrerin des Jahrhunderts war, steht dagegen außer Zweifel. Durch ihre sechs, oft in mehreren Auflagen erschienenen Bücher sowie durch zahlreiche Aufsätze,...
Wenn ein Darsteller vom Format Jonas Kaufmanns auf der Bühne mitmischt, stehen die Chancen auf Gänsehaut nicht schlecht. Man geht allerdings auch das Risiko ein, dass der Rest der Besetzung verblasst – und genau das geschah jetzt in Orange. Zweieinhalb Stunden lang fragte man sich, warum Bizet seine Oper eigentlich nicht «Don José» genannt hat. Dass ein Charakter...
