Tiefenbohrung
Sehnsucht nach neuem Musiktheater – das ist in Moskau nichts Neues. Doch auf eine so produktive Spielzeit wie die letzte hat die Stadt lange warten müssen. Jetzt wurden die hochgespannten Erwartungen sogar übertroffen. Zumal die Uraufführungen wirkten wie Kampfansagen der zeitgenössischen Oper an die verhängnisvolle politische Entwicklung Russlands: eines Staates, in dem Krieg und Korruption zu einer Art normalem, kaum mehr in Frage gestellten Background geworden sind. Wir sprechen freilich nicht von direkten Interventionen, sondern von Kritik mit ästhetischen Mitteln.
Zu den wagemutigen Instituten gehört das Kammermusiktheater Boris Pokrowski, das gleich zwei neue Werke herausbrachte. Alexander Manozkows «Titij Bezuprecnyj» («Der unbescholtene Titus») beruht auf dem gleichnamigen Stück von Maxim Kurotschkin (2008), einer Paraphrase auf Shakespeares «Titus Andronicus». Das Thema: die Mechanismen des totalitären Staats. Das Libretto schrieb der Schauspielregisseur Wladimir Mirsojew, die durchdachte, hermetische Partitur verknüpft Schönbergs Zwölftonmusik, indische Raga-Akkorde, an Weill erinnernde Motive und Barock-Reminiszenzen. Musikalisch hebt diese «kosmische Oper» herrlich ab – ...
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Opernwelt September/Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 98
von Alexei Parin
Herr Alagna, mit Rollen wie Énée und dem Cid haben Sie sich enorm entwickelt. Ist Vasco da Gama jetzt der größte Schritt für Sie?
Énée war ein viel größerer, ebenso Lancelot in «Roi Arthus» kürzlich in Paris. Und wenn man «Pagliacci» und «Cavalleria rusticana» an einem Abend singt, ist das auch kein Kinderspiel ... Also: nein, eigentlich nicht. Mit Eléazar in «La...
Seit der Uraufführung 1985 in Venedig ist Luigi Nonos «Prometeo» weltweit rund 70-mal gespielt worden; weitere Termine für die nächsten Jahre stehen an. Das durchaus monumentale Werk gehört zu den künstlerischen «Herausforderungen» des Musikbetriebs und bekommt damit auch für ein ohnehin aufgeschlossenes Publikum eine Aura von Ereignishaftigkeit, die sich von...
Brünnhilde will nicht. «Heil, dir, Sonne!» drei, vier, fünf Meter über dem Boden? «Da kann ich nicht frei singen», sagt Judith Németh. Das Schwanken, der Schwindel, das Herzrasen. Schon der Blick auf die Gondel, in der die Walküre im dritten «Siegfried»-Akt aus der Tiefe auffahren soll, dem Liebeslicht entgegen, bis das wallende Brautkleid die Bühne füllt, macht...
