Theorie aus Erfahrung

Peter Gülke, dem schreibenden, forschenden Dirigenten, zum 80. Geburtstag

Opernwelt - Logo

Mitte der achtziger Jahre. Carl Dahlhaus, der Berliner Ordinarius für Musikwissenschaft, war schon sehr krank, und seine Vorlesungen mussten immer wieder ausfallen. Da sprang ein nicht mehr ganz junger, aber dynamisch wirkender Mann ein, von dem wir Studenten wussten, dass er eigentlich Dirigent war, aus der DDR kam und seit Kurzem in Wuppertal als GMD wirkte. Peter Gülke sprach frei, ohne ­jedes Manuskript, er sprach anders, verständlicher und verbindlicher als Dahlhaus. Und er sprach über Schubert.

Was er damals über die geheimen Beziehungen im Streichquintett und über Vorbilder und Folgen des Symphonikers Schubert erzählte, das haftete auch noch Tage, Wochen danach im Gedächtnis, weil es aus unmittelbarem Umgang mit der Musik gewonnen war. Man könnte einfach sagen: weil Gülke Theorie und Praxis verband. Genauer wäre zu sagen: weil er die Musik stets als klingendes, als sinnliches Phänomen vermittelte. Er konnte gar nicht anders. Er hatte sie im Ohr, wenn er sie analysierte. Deshalb war es ihm später ein Graus, als der Begriff des Performativen aufkam und zum Modewort im Wissenschaftsdiskurs avancierte. Haben Komponisten nicht seit jeher darum gerungen, wie sich Klang schriftlich ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2014
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Stephan Mösch

Weitere Beiträge
«Meine Stimme ist nicht schön»

Ihr letztes Album hieß «Guilty Pleasures», sündiges Vergnü­gen ...
Ja, es ist mein schlechtes Gewissen. Denn die Titel sind gar zu schön. Zumindest gemessen an den üblichen, europäischen Kriterien. Die CD knüpft an mein Album «The Beautiful Voice» an, das vor fünfzehn Jahren eine Art Durchbruch für mich bedeutete. Zumindest hat es das Klischee gefestigt, das mir...

Artists in resistance

Über den kulturellen Kahlschlag, den die Landesregierung von Sachsen-Anhalt im vergangenen Juni beschlossen hat, ist in den letzten Monaten viel zu lesen gewesen. Dessau trifft es besonders hart: Hier sollen die Sparten Schauspiel und Ballett ganz eingespart werden.

Jetzt haben sich Intendant André Bücker und das Ensemble mit den Mitteln des Theaters gegen den...

Kratzers Krimi

Als Thriller im Kammerspiel-Format zeigt der Regisseur Tobias Kratzer am Luzerner Theater Bizets «Carmen». Seine Inszenierung beginnt da, wo der dritte Akt der Oper endet: Carmen hat Don José verlassen und ist zum Torero Escamillo gezogen. Der Bühne von Rainer Sellmaier zeigt ein Zimmer in Escamillos Wohnung in einem unwirtlichen Betonbau. Über dem Flachbildschirm...