Tatort Kinderzimmer
Schreckliches ist geschehen. Wir ahnen es, weil vorab Videoschnipsel eine Geburtstagsszene zeigen, in der die kleine Salome vom Onkel und Stiefvater Herodes ein rosa Tutu geschenkt bekommt. Immer wieder. Wir wissen es spätestens, als Julia Hansens Bühne sich ein einziges Mal dreht und ein missbrauchtes Mädchen einsam im dunklen Kinderzimmer liegt. Schrecklich, aber es entspannt für einen Moment das Auge des Betrachters, das an den nüchtern ausgeleuchteten Hauptbildern ermüdet: dem Hinterzimmer des Herodes-Personals und dem mit leeren Geschenkkartons vollgestopften Jugendzimmer der Salome.
Wieder hat sie Geburtstag, die kleine Gesellschaft trägt Partyhütchen, doch Stimmung will hier nicht aufkommen. Mutti (Marie-Helen Joël, eine präsente Herodias) trinkt, der Papa will, dass Salome im Tutu tanzt, sie will den Kopf des Propheten im Keller.
Als sie das Haupt des Jochanaan dann kriegt, weil sie es unbedingt will und der Stiefvater unbedingt Salome will, hängt der Restprophetenkörper zunächst noch dran am Kopf, ist auch nicht so tot, wie gesungen wird; erst am Ende wird er, auf dem Silbertablett, nachgeliefert, wie ein ironisches Zitat aus dem ehemaligen Skandalstück von Wilde/Strauss. ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 15
von Holger Noltze
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