Tasten und Suchen
Im Grunde ist mit den ersten Worten das Wesentliche gesagt: «Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.» Der Wanderer in Schuberts «Winterreise» auf die ingeniösen Verse Wilhelm Müllers weiß, wohin sein Weg ihn führt: in jenes Dunkel, aus dem er kommt, immer schon kam. Eine Lichtgestalt war er nie, wird es nicht mehr werden. Und wer noch daran zweifelte, den verweist die dämonisch-dunkle Tonart d-Moll zu Beginn des Liedes «Gute Nacht» noch einmal deutlich darauf, dass ein Glück, welcher Art es auch sein möge, hier kaum zu erheischen ist.
Der Tod wartet um die Ecke, in seinen Händen sehen wir die leeren «Leiermann»-Quinten.
Benjamin Appl und James Baillieu, die – das sei vorweggenommen – ein wunderbares Gespann bilden, wählen von Beginn an einen Tonfall, der das Unausweichliche in sich birgt – und den Müller wie Schubert intendierten. Nichts Selbstbewusst-Resolutes wohnt den gesungenen Phrasen inne, eher ein Tasten und unsicheres Suchen; auch die fortepiani des Klaviervorspiels sind dezent gesetzt (und werden es auch im weiteren Verlauf dieses Stückes sowie in den weiteren Liedern fast ausschließlich sein). Weder der Bariton noch sein Pianist stapfen energisch übers ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt 8 2022
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 29
von Jürgen Otten
Am Sommerhimmel über Perm ist von Zeit zu Zeit ein ohrenbetäubendes Geräusch zu hören – verursacht durch die Trainingsflüge der Jagdbomber von der nahegelegenen Militärbasis. Beim diesjährigen Diaghilew-Festival haben diese Flüge einen anderen Klang, und auch die schwarze Farbe der T-Shirts der freiwilligen Helfer und der Andenkenkarten hat eine völlig andere...
Das Cover ist imposant. Von einem glutvollen Sonnenstrahl erleuchtet, der sich wie ein göttlicher Schein aufs phallische Zepter legt, schaut «La Seine» – in Gestalt jener mächtigen Statue, die der Bildhauer Étienne Le Hongre anno 1690 schuf – grimmig-nachdenklich auf ein unsichtbares Etwas in der Ferne; erst auf der Rückseite des Booklets wird erkennbar, dass die...
Bereits seit 2005 nimmt das «Morgenland Festival» in Osnabrück alljährlich die Musikkultur des Vorderen Orients in den Blick und weitet die Perspektive von traditioneller Musik bis zu Avantgarde, Rock und Jazz. Höhepunkt der aktuellen Ausgabe ist ein spartenübergreifendes Projekt in Koproduktion mit dem Theater Osnabrück: «Songs for Days to Come» des aus Syrien...
