Tasten und Suchen

Benjamin Appl und James Baillieu mit einer feinfühligen Deutung von Schuberts «Winterreise»

Opernwelt - Logo

Im Grunde ist mit den ersten Worten das Wesentliche gesagt: «Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.» Der Wanderer in Schuberts «Winterreise» auf die ingeniösen Verse Wilhelm Müllers weiß, wohin sein Weg ihn führt: in jenes Dunkel, aus dem er kommt, immer schon kam. Eine Lichtgestalt war er nie, wird es nicht mehr werden. Und wer noch daran zweifelte, den verweist die dämonisch-dunkle Tonart d-Moll zu Beginn des Liedes «Gute Nacht» noch einmal deutlich darauf, dass ein Glück, welcher Art es auch sein möge, hier kaum zu erheischen ist.

Der Tod wartet um die Ecke, in seinen Händen sehen wir die leeren «Leiermann»-Quinten. 

Benjamin Appl und James Baillieu, die – das sei vorweggenommen – ein wunderbares Gespann bilden, wählen von Beginn an einen Tonfall, der das Unausweichliche in sich birgt – und den Müller wie Schubert intendierten. Nichts Selbstbewusst-Resolutes wohnt den gesungenen Phrasen inne, eher ein Tasten und unsicheres Suchen; auch die fortepiani des Klaviervorspiels sind dezent gesetzt (und werden es auch im weiteren Verlauf dieses Stückes sowie in den weiteren Liedern fast ausschließlich sein). Weder der Bariton noch sein Pianist stapfen energisch übers ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt 8 2022
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 29
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Schmerzenskind

Dieser Märzabend des Jahres 1864 stand wahrlich unter keinem günstigen Stern: Die Uraufführung von Charles Gounods Oper «Mireille» im Pariser Théâtre-Lyrique fiel durch. Angekreidet wurde dem Komponisten und seinem Textdichter Michel Carré insbesondere, dass das (auf Frédéric Mistrals provenzalisches Poem «Mirèio» zurückgehende) Sujet fürchterlich abgeschmackt sei;...

La Condition humaine

Der Ort ist überwältigend, die reine Natur: unberührt-malerische Landschaft. Das Gebäude hingegen wirkt wie ein Fremdkörper in diesem Idyll, geradezu abstoßend hässlich. Ein schwarzer, mit Bauxit überzogener Betonklotz, Sprayer haben ihre Graffiti-Spuren darauf hinterlassen, und wenn man sich ihm mit tastenden Schritten über die Hügel von Bouches-du-Rhône nähert,...

Reise in ein magisches Reich

Nichts Neues im Süden Englands? Von wegen! Das Garsington Opera Festival wartete in diesem Jahr mit einigen Novitäten auf. Bislang hatte es dort lediglich späte Opern von Händel und Vivaldi gegeben; nun blickte man ein Jahrhundert weiter zurück und präsentierte Anfang Juni Claudio Monteverdis favola in musica «Orfeo» von 1607. Dabei profitierten die Festivalmacher...