Talentschmiede
Die präpotenten römischen Besatzer tragen Brustpanzer aus Plastik. Vittoria Yeo, Oberpriesterin der naturverbunden matriarchalischen Gallier, darf als Norma zu ihrer Signet-Arie «Casta Diva» eine Mondsichel in Händen halten. Die in edlen Tableaux erstarrten Damen und Herren des überwältigend eloquenten Chores behaupten die Ursprünglichkeit ihrer den Eroberern trotzenden Kultur qua Sandalenfilm-Historismus. Cristina Muti inszeniert Bellinis «Norma» aus dem Opernbilderbuch in Omas Schrank.
Im intimen Rahmen des schnuckeligen Logentheaters der Dante-Stadt, das denn auch den Namen «Teatro Alighieri» trägt, wirken diese Bilder freilich gar nicht angestaubt, sondern so stimmig wie liebevoll – und demütig.
Riccardo Mutis Gattin, die als Präsidentin des Ravenna Festivals im Herbstableger der sommerlichen Festspiele zur Operntrilogie an drei Folgetagen lädt, lebt ihr Selbstverständnis, dass Regie der Musik und dem Libretto zu dienen habe und nicht den Flausen von egomanen Interpreten, konsequent aus. Ihr geht es darum, junge Sänger im besten, wenn auch gern etwas mythendunklen Licht erscheinen zu lassen. Denn ihre vornehmeste Aufgabe versieht Signora Cristina als Talentscout. In ...
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Opernwelt Dezember 2019
Rubrik: Magazin, Seite 64
von Peter Krause
Wer Roland Schwab als Regisseur für Wagners «Lohengrin» verpflichtet, darf sich nicht wundern, dass es kein blaues Wunder gibt. Stattdessen: Katastrophe, wohin das Auge reicht. Schwab konfrontiert es mit einem Flugzeugwrack, das die 40-Meter-Breitwandbühne der Salzburger Felsenreitschule spektakulär ausfüllt (Piero Vinciguerra). Dort spielt das vergleichsweise...
Wer sich erkennen will, braucht Abstand zu sich selbst. Er muss aus der Befangenheit in den eigenen Verhältnissen hinaustreten können, frei werden von den Imperativen seines Alltags, dessen bloße Abbildung nichts als neue Nötigung wäre. Darin liegt die große Weisheit der Alten, zumal des barocken Theaters, das Geschehen der Oper zu verlegen an ferne Orte und in...
Alle zwei Jahre wandelt sich das beschauliche Gütersloh zur Hauptstadt der jungen Gesangskunst. Jeweils im Oktober entscheidet sich in der westfälischen Kommune, Hauptsitz des Medienhauses Bertelsmann, mit wem man künftig auf den Bühnen der Welt rechnen muss. Dann finden in der Stadthalle die Endrunden des Wettbewerbs «Neue Stimmen» statt. Er zählt zu den...
