Struktur, Bild, Stimme
Der Avantgarde der 50er- und 60er-Jahre waren Emotionen, Inhalte, Bildlichkeit eher suspekt: Symptome einer ästhetisch wie politisch korrumpierten Nachromantik. Struktur hieß das neue Zauberwort. Wertfrei, pure Materialorganisation sollte Musik sein, jegliche Assoziation an Tradition galt als verwerflich. In Darmstadt oder Donaueschingen wurde denn auch Hans Werner Henze, dem an Theater wie Vokalität lag, in Acht und Bann getan. Die Zeiten starrer Dogmatik sind freilich lange passé, manche Tabus aber sind geblieben.
Eines scheint nach wie vor auf der Stimme zu liegen.
«Singen, das ist die Manifestation des Lebens schlechthin», hatte Henze deklariert. Und Helmut Lachenmann bekundete: «In der Stimme liegt ein tonaler Rest.» Vokalität im Sinne ausdeutender, narrativer, gar kantabler Textkomposition spielte in seiner Musik kaum eine Rolle. Bei Nono wie Boulez wird die Singstimme hauptsächlich syllabisch behandelt. Selbst in Nonos «Canto sospeso» auf Abschiedsbriefe zum Tode verurteilter Widerstandskämpfer steht der Wortsinn keineswegs im Vordergrund: Das Schweben der Stimmen im Raum war ihm wichtiger als der semantische Transport. Vollends hat Dieter Schnebel in einigen Werken Sprache ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Magazin, Seite 81
von Gerhard R. Koch
Das Streichersextett spielt die ersten Akkorde, da zerreißt ein Heulton den kammermusikalischen Wohlklang. Fliegeralarm, wie üblich. Die Musiker tragen ihre Geigen und Celli gelassen Richtung Bunker, der Hausdiener klappt routiniert den Deckel des Spinetts zu und wartet die Bomben ab. Wir befinden uns im Jahr 1942, zur Zeit der Uraufführung von Richard Strauss’...
Place de la Bastille. Stéphane Lissner empfängt an seinem Arbeitsplatz. Im (nicht mehr ganz) neuen zweiten Haus der Opéra de Paris. Seit August 2014 leitet der 62-Jährige den größten Theaterbetrieb Frankreichs. Gerade hat er in der Bastille Oper seine erste eigene Saison eröffnet. Mit «Moses und Aron», jenem «Endspiel» (Hans Mayer), das er vor 20 Jahren zum ersten...
Eine Dramaturgie der feinen Art: Intendant Marc Clemeur bezieht an der Opéra du Rhin «Ariane et Barbe-Bleu» von Dukas (siehe OW 6/2015) auf Faurés wenig später entstandene «Pénélope» und gibt sie demselben Regisseur. So entsteht ein ungewöhnliches Diptychon: zwei Opern, die Opernhaftes hinter sich lassen, sich introvertiert geben und doch auf ehrgeizige Weise...
