Struktur, Bild, Stimme
Der Avantgarde der 50er- und 60er-Jahre waren Emotionen, Inhalte, Bildlichkeit eher suspekt: Symptome einer ästhetisch wie politisch korrumpierten Nachromantik. Struktur hieß das neue Zauberwort. Wertfrei, pure Materialorganisation sollte Musik sein, jegliche Assoziation an Tradition galt als verwerflich. In Darmstadt oder Donaueschingen wurde denn auch Hans Werner Henze, dem an Theater wie Vokalität lag, in Acht und Bann getan. Die Zeiten starrer Dogmatik sind freilich lange passé, manche Tabus aber sind geblieben.
Eines scheint nach wie vor auf der Stimme zu liegen.
«Singen, das ist die Manifestation des Lebens schlechthin», hatte Henze deklariert. Und Helmut Lachenmann bekundete: «In der Stimme liegt ein tonaler Rest.» Vokalität im Sinne ausdeutender, narrativer, gar kantabler Textkomposition spielte in seiner Musik kaum eine Rolle. Bei Nono wie Boulez wird die Singstimme hauptsächlich syllabisch behandelt. Selbst in Nonos «Canto sospeso» auf Abschiedsbriefe zum Tode verurteilter Widerstandskämpfer steht der Wortsinn keineswegs im Vordergrund: Das Schweben der Stimmen im Raum war ihm wichtiger als der semantische Transport. Vollends hat Dieter Schnebel in einigen Werken Sprache ...
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Opernwelt Dezember 2015
Rubrik: Magazin, Seite 81
von Gerhard R. Koch
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Rossini – «eine mediterrane Frohnatur»? Mitnichten: «Tatsächlich war [er] jahrzehntelang ein schwerkranker Mann.» Arnold Jacobshagen unterzieht in seinem Rossini-Buch viele lieb gewordene Mythen einer kritischen Überprüfung, mal systematisch (wenn er sich den verschiedenen Operngattungen in Rossinis Werk und später dessen möglichen Vorbildern widmet), mal...
