Strichmännchen, Strichfräulein

Stefan Herheim inszeniert in Hamburg Mozarts «Figaro» aus dem Geist der Commedia dell’Arte. Die politische Dimension fällt flach

Opernwelt - Logo

Im Vorwort zum Libretto von «Le nozze di Figaro» bemerkt Lorenzo da Ponte, sein und Mozarts Ziel sei, «eine fast neue Art des Schauspiels» zu schaffen. Aus diesem Vorsatz scheint auch Stefan Herheim seine Inszenierung für die Hamburger Staatsoper entwickelt zu haben. Bühnenbildner Christoph Hetzer staffiert dafür Decke und Wände mit 1500 Faksimile-Seiten der Oper aus. In der zum Raum gewordenen Partitur lassen sich die Figuren, die ihrerseits in mit Noten bedruckten Kleidern (Kostüme: Gesine Völlm) stecken, durch die erotischen Intrigen scheuchen.

Schon während der Ouvertüre beginnt die Jagd. Auf einer Videowand werden von unsichtbarer Hand Blätter gewendet, bis einzelne Noten ins Stolpern geraten. Ein Strichmännchen nimmt Gestalt an, saust hinter einem Strichfräulein her und lugt ihr unter den Rock. Und alsbald verwandeln sich die Köpfe, Hälse und Fähnchen der Noten in Spermien und setzen Strichfräulein nach. Man weiß: Eins wird wohl durchkommen.

Von der Begeisterung über die von der Firma fettFilm animierte Hatz zehrt das Hamburger Publikum den ganzen Abend – und genießt ihn mit schier kindlicher Freude. Im Zentrum der Bühne steht nun ein Bett. Nicht einfach ein Bett. Sondern ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Jürgen Kesting

Weitere Beiträge
Ein Bett im Schnee

Es gibt sie ja, die Regisseure, die statt des ihnen aufgetragenen einen Werks gleich zwei oder drei auf einmal inszenieren. Patrice Chéreau war so einer, der Bedeutungsebenen übereinanderschichtete. Der aktuell bemerkenswerteste Fall ist Stefan Herheim. Und Norweger wie er ist auch der vom Schauspiel kommende Ole Anders Tandberg – der jetzt bei seinem Debüt am...

SPIELERISCH: Barrie Koskys Monteverdi-Trilogie auf DVD

Der Mensch liebt es anscheinend, sich zu schinden. Etwa jeden Oktober auf der Hauptinsel von Hawaii beim «Ironman» – 3,86 km Schwimmen, 180 km auf dem Rad sowie die traditionelle Marathon-Distanz von 42,2 Kilometern (die «Eisenmänner» der letzten beide Jahre waren übrigens Deutsche). Ob es Barrie Kosky 2012 mit dem Monteverdi-Triathlon zu Beginn seiner Ära an der...

Das Wort singt

Nimmt man Charles Gounod beim Wort, war für die französischen Sänger die Klarheit der Aussprache wichtiger als die Qualität des Tons. «Die Aussprache muss klar, sauber, distinkt und exakt sein. Das bedeutet, dass sie dem Ohr in keinem Augenblick irgendeine Ungewissheit betreffs des ausgesprochenen Wortes bereitet. Sie muss ausdrucksvoll sein, und das meint, dass...