Unter Druck
Das kann sich nur ein Opernhaus mit einem richtig guten Chor leisten: die Sänger in Parkett und Rängen unters Publikum zu mischen, ohne dass homogener Sound und differenzierte Musikalität verloren gehen. Auf William Spauldings exzellente Truppe an der Deutschen Oper ist da Verlass. Die Chöre in Verdis «Aida», von der Saalmitte aus gehört – in Benedikt von Peters Neuinszenierung werden sie zu einer überwältigenden Erfahrung.
Den Zuschauer macht von Peter dabei zum stummen Mitglied des Ägyptervolks und Teil der Zange, die sich um die Hauptfiguren schließt.
Von der Bühne her drängt das Orchester unter Andrea Battistoni, vorn äugen Publikum und Chor, so dass Radames, Amneris und Aida auf dem überbauten Graben praktisch umzingelt sind. Hier kollidieren private Sehnsüchte und äußere Erwartungen. Unter Druck gesetzt wird vor allem einer: Radames, der in einer zermürbenden Beziehung zu Amneris feststeckt. Sie sieht sich selbst schon als First Lady und hält ihm stullenschmierend den Rücken frei für die Karriere (resolut: Anna Smirnova). Leider fantasiert er – Alfred Kim gibt den Antihelden mit Pulli und Brille – über seinen Atlanten nicht bloß von Feldzügen, sondern auch von der exotischen ...
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Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Wiebke Roloff
Am Ende fallen die vermeintlich Geschädigten bei Achim Freyer an der Wiener Volksoper über Don Giovanni her, zerreißen ihn, statt ihn zur Hölle fahren zu lassen, und vertilgen ihn genüsslich. «Questo è il fin di qui fà mal», so ende, wer Böses tut, behaupten sie im Besitz selbstgerechter Moral. Der Verführer und Wüstling ist perdu, das Leben kann seinen normalen...
In seiner Berliner Inszenierung situiert Dmitri Tcherniakov Rimsky-Korsakows meist als historisch-romantisches Rührstück verkitschte «Zarenbraut» in der medialen Gegenwart eines russischen Fernsehstudios, wobei immer wieder punktgenaue Überblendungen, aber auch irritierende Brechungen zwischen der realen Eifersuchtstragödie und der von der Medienmafia inszenierten...
Armer Shakespeare! Wie haben sie ihn misshandelt!», nörgelte Giuseppe Verdi, nachdem er die Partitur zu Ambroise Thomas’ «Hamlet» durchgesehen hatte. Freilich meinte er damit vor allem das Libretto. Er hatte eigentlich ja selbst vor, einen «Hamlet» zu komponieren. Oder «Romeo und Julia». Oder den «Sturm». Oder aber, und vor allem, sein Lieblingsschauspiel «Lear»....
