Weichselwunder

Ästhetische Restauration einer polnischen «Nationaloper»: David Pountney schließt in Warschau Moniuszkos «Gespensterschloss» auf

Das Wort «Nationalkolorit» klingt hübsch, fast niedlich. Es muss erfunden worden sein von Menschen guten Willens, die das Nationale für eine äußere Farbe auf universellen Formen hielten. Sie glaubten, als hermeneutische Optimisten, an einen Hintergrund massiver Übereinstimmung, der einen Vordergrund massiver Buntheit zulässt. Doch die Zensoren von Zar Alexander II. wurden hellhörig, nachdem die Oper «Straszny Dwór» («Das Gespensterschloss») von Stanislaw Moniuszko im September 1865 in Warschau, damals russisch besetzt, zur Uraufführung gelangt war.

Das Libretto von Jan Checinski hatte die Zensur noch passieren können. Als harmlos erschien die Komödie über die zwei adligen Brüder Stefan und Zbignew, die lebenslange Junggesellenschaft schwören, um ihrem Vaterland zu dienen, aber auf einem Schloss, in dem es spuken soll, dann doch dem Charme der Schwestern Hanna und Jadwiga verfallen. Es gibt putzige Einfälle von alten Uhren, die nach Jahren der Stille wieder zu schlagen anfangen, und von Menschen, die aus alten Gemälden steigen, um im Schlosse nächtens umzugehen.

Doch die Musik von Moniuszko brachte eine andere Note ins Spiel: Tänze wie Polonaise, Mazurka, Krakowiak sowie ein ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jan Brachmann

Weitere Beiträge
Was der Hörer nicht kennt...

Im globalisierten Opernbetrieb müssen Sänger selbstverständlich auch in Sprachen singen, die sie nicht beherrschen, und die Partien notfalls phonetisch lernen. Oft ist das Ergebnis unbefriedigend. Längst sind Übertitel nötig, damit das Publikum Texte in seiner Muttersprache versteht. Der Frage, ob diese Texte phonetisch «entstellt» überhaupt noch verstehbar sind –...

Magischer Expressionismus

Eigentlich ein ganz normaler Ort, so ein Hotelzimmer. Das gilt selbst dann, wenn es mit einem Konzertflügel und Wandschmuck à la Louis XV., mit Flachbildschirm und Baldachin überm Bett ausgestattet ist. Doch normal ist wenig von dem, was in den zwei pausenlosen Stunden an der Bayerischen Staatsoper in diesem Hotelzimmer geschehen wird: Da macht sich schon bald das...

Frisch wie am ersten Tag

Was eine Hypothese ist, hat wohl selten einer so schlüssig definiert wie Heinz Meier als Hoppenstedt in einem Sketch Loriots. «Hier wäre die Mitte gewesen ... wäre!», giftet er, nachdem ihm sein Duz-Feind Pröhl zwei Drittel des Kosakenzipfels weggegessen hat. Das hypothetische «Was wäre, wenn» ist ja auch das Um und Auf der Kunst – ja, es scheint, pauschal...