Ernst genommen

Nikolaus Harnoncourts Berliner Schubert-Zyklus mit «Alfonso und Estrella»

Das Ende ist lebensbejahend und hoffnungsfroh, sprachlich allerdings kitschverdächtig: «Liebe hat den Friedensbogen über diese Welt gezogen, aller Schmerz ist aufgewogen, wenn ihr Hauch den Busen hebt. […] An des milden Königs Throne blüht die gold’ne Gnadensonne, leben Herrlichkeit und Wonne, strahlt sie in die weite Welt.

»

Vielleicht ist Franz von Schobers Libretto mit ein Grund, warum es Schuberts Oper «Alfonso und Estrella» bis heute schwer hat, immer noch und immer wieder auf prominente Fürsprecher wie Nikolaus Harnoncourt angewiesen ist, der das Werk 1997 am Theater an der Wien szenisch und im Oktober 2005 konzertant mit den Berliner Philharmonikern aufgeführt hat – im Rahmen eines über mehrere Jahre angelegten Schubert-Zyklus, der neben sämtlichen Sinfonien auch die beiden großen Messen in As- und Es-Dur enthält und nun beim orchestereigenen Label veröffentlicht wurde.

Diese im Mittelalter angesiedelte Oper – für Harnoncourt ein «Nebeneinander von Realität und Irrealität» – wird hier entschlossen vom Nimbus des Zweitrangigen befreit: Harnoncourt setzt auf schroffe Akzente, auf beißende Harmonien und, wo möglich, auf wienerische Geschmeidigkeit. Auf diese Weise ernst genommen, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Christoph Vratz

Weitere Beiträge
Krick-Krack!

Anhänger des Steampunk sind Romantiker. Sie verehren die Technikvisionen des 19. Jahrhunderts, kleiden sich verspielt viktorianisch und lieben die Seelenabgründe düsterer Schauergeschichten. Die Band Coppelius hat nicht nur ihren Namen von E. T. A. Hoffmann entliehen, die Musiker spielen Klarinetten, Cello, Kontrabass – und natürlich Schlagzeug, der knallharte Beat...

Schöne falsche Welt

Riesige Geschenkschachteln in Rosarot und Himmelblau stehen überall herum. Sie bilden das szenische Fundament der Chemnitzer Neuproduktion von Alexander von Zemlinskys Einakter «Der Zwerg». In diese nicht nur räumlich, sondern auch ideell begrenzte, scheinbar makellose Welt passt einer wie er einfach nicht hinein: Kleinwüchsig und missgestaltet ist dieser Zwerg,...

Apropos... Obertöne

Herr Bruns, auf Ihrem Facebook-Profil nennen Sie sich «Benjamin Frodo Bruns». Wie kommt denn das?
Ich bin bekennender Science-Fiction- und Fantasy-Fan. Außerdem sah ich im Bayreuther «Kinder-Parsifal» ja wirklich aus wie Frodo aus dem «Herrn der Ringe» – und Andreas Hörl als Titurel wie Gandalf. Ich habe Tolkiens Trilogie so mit 14, 15 Jahren innerhalb von zehn...