Sprache als Klang
Die Tragödie ist so gut wie vergessen. Am 1. März 1954 geriet der japanische Fischer Aikichi Kuboyama nach einem Nukleartest der amerikanischen Marine unweit des Bikini-Atolls mit 22 anderen Seeleuten in einen radioaktiven Ascheregen. Ein halbes Jahr später war er tot. Das erste Opfer der Wasserstoffbombe. Eine Sekunde hielt die Welt den Atem an, dann ging sie zur Tagesordnung des Kalten Krieges über.
Wer weiß noch, dass Günther Anders in seinen Reflexionen über die «Antiquiertheit des Menschen» im Zeitalter medialen und atomaren Overkills (1956) die Geschichte des Fischers aufgriff? Und dass Herbert Eimert, der 1972 verstorbene Gründervater des Kölner Studios für elektronische Musik, bei Anders auf jene Grabinschrift stieß, die zum Ausgangspunkt einer der bedeutendsten Arbeiten auf dem Feld elektroakustischer Komposition werden sollte? Fünf Jahre, von 1957 bis 1962, brauchte Eimert, bis er das kaum vierundzwanzig Minuten lange «Epitaph für Aikichi Kuboyama» im Kasten hatte.
Jeden Ton, jeden Sound, jedes Geräusch dieser Gedenkmusik hatte er aus dem Material des eingangs rezitierten Epitaph-Textes generiert. Keine «fremden» Zugaben (etwa Sinustöne oder weißes Rauschen) sollten das ...
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Opernwelt Januar 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 27
von Albrecht Thiemann
Die letzten Dinge. Haben sie eine besondere Kraft, oder neigen wir dazu, sie ihnen anzudichten? Händel konnte die Uraufführung seines letzten originalen Oratoriums «Jephtha» im Februar 1752 nur noch mit Mühe dirigieren. «He breaks very much & I think he is quite blind in one eye», beobachtete der Gelehrte James Harris. Purcell hatte 1695 noch weniger Glück mit «The...
I.
Gleich zu Beginn, wenn das tiefe «Es» aus dem Orchestergraben brummt, hebt sich der eiserne Vorhang. Im Halbdunkel sehen wir ineinander geknäulte Menschenleiber, hundert oder hundertfünfzig mögen es wohl sein. Ein Spiegel, der aus dem Schnürboden herunterragt, lässt ihre Zahl ins Unendliche wachsen. Je mehr sich der Es-Dur Dreiklang auffaltet, desto mehr faltet...
Er taucht in jeder Geschichte der Oper auf, besonders häufig freilich, wenn es um die des 19. Jahrhunderts geht, noch spezifischer: wenn von Rossini, Bellini, Donizetti und der Entwicklung des frühromantischen italienischen Melodramma, aber eben auch der Buffa die Rede ist. Dann wirft er einen langen Schatten, bleibt aber als dunkle Silhouette im Hintergrund, wird...
