Spiel mir das Lied vom Leben
Becketts Figuren sind ausnahmslos erschöpft und ausgelaugt Wartende, im Grunde ähneln sie den Figuren Tschechows. Der Unterschied liegt in der Perspektive. Während Tschechows Figuren auf etwas warten, das in der Zukunft liegt (aber nie erscheinen wird), warten Becketts Figuren nur noch auf das Ende. Sie haben jede Hoffnung, es würde sich in ihrem Leben noch etwas zum Guten, Richtigen, Schönen ändern, längst fahren lassen. Nur eines wollen und können sie noch: Sie wollen und sie können spielen. So wie beispielsweise Winnie, die 50-jährige Frau aus «Glückliche Tage».
Bis über die Taille hinaus steckt sie in einem Erdhügel, neben sich, auf dem Boden, einen schwarzen Ledersack als Einkaufstasche sowie einen zusammengeklappten Sonnenschirm. Diese «Accessoires» sehen wir nun, verteilt um den Souffleurkasten, in der Berliner Staatsoper, und auch Winnie gibt es, aber sie scheint irgendwie ins falsche Stück geraten zu sein. Gespielt wird ja augenscheinlich «Fin de partie», nicht «Glückliche Tage», und Winnie ist, wenngleich sie das Handicap der eingeschränkten Bewegungsfreiheit mit Nell teilt, an diesem Abend auch nicht Winnie, sondern die Darstellerin von Naggs Ehefrau; für sie hat György ...
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Opernwelt März 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 22
von Jürgen Otten
Zur Zeit der ersten Aufführungen von Giuseppe Verdis «La forza del destino» in Petersburg (1862) und Mailand (1869, in umgearbeiteter Fassung) war das Orchestervorspiel die Schwelle zwischen der gesellschaftlichen Realität und dem ersten Sängerauftritt: Die wenig geachtete Instrumentalmusik diente der Beruhigung der erhitzten Körper und entfesselten Mundwerke; was...
Dass die in Moskau ansässige «Nowaja Opera» mit Samuel Barbers «Vanessa» ein Werk aus einem, laut offizieller Einschätzung «unfreundlichen Land» auf ihren Spielplan setzt, ohne sich für dessen offenkundig boulevardesken Charakter zu schämen, unterstreicht erneut die radikale Entschlossenheit der Direk -tion zu einem «unkonventionellen Verhalten». Sämtliche Bühnen...
Im alten Reclam-Heftchen mit dem Text der «Meistersinger», das im Besitz seiner Familie war, stand bei Evchens Worten im dritten Aufzug: «O Sachs! Mein Freund! Du teurer Mann!» eine handschriftliche Regieanweisung. Sein Vater hatte sie dort an den Rand gekritzelt – und sie galt als verbindlich für den kleinen Otto und seine Schwester beim frühen Besuch von Wagners...
