Sinn als Erfahrung

Seit 1974 wird der Ernst von Siemens Musikpreis alljährlich vergeben. Nach wie vor gilt er als eine Art Nobelpreis der Musik. Unter den Komponisten, die ihn erhalten haben, sind Benjamin Britten, Elliott Carter, Hans Werner Henze, Mauricio Kagel, György Kurtág, Helmut Lachenmann und Olivier Messiaen. Der Preisträger des Jahres 2011 ist Aribert Reimann. Die Auszeichnung wurde ihm am 24. Mai im Rahmen eines Festakts im Münchner Cuvilliés-Theater verliehen, bei der Stephan Mösch die folgende Laudatio hielt.

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Lieber Aribert Reimann,

sehr verehrte Damen und Herren,

der Zufall kann ein kluger Gefährte sein. Je näher der Termin der heutigen Laudatio rückte, desto häufiger beschlich mich ein Wort aus Bachs «Johannes-Passion». Es findet sich zu Beginn eines kontemplativen Bass-Ariosos und klingt fast wie Mörike: «Betrachte, meine Seel’, mit ängstlichem Vergnügen». Vergnügen der Vorbereitung auf den heutigen Tag: gewiss.

Aber eben auch die Frage, wie man denn in zwanzig Minuten einen Kosmos vorstellen soll, der nicht nur ein mehr als sechs Jahrzehnte intensiv ausgekostetes Komponistenleben umspannt, sondern auch das Leben eines Pianisten und Kammermusikers und, nicht zuletzt, das eines Pädagogen und Musikvermittlers?

Der Zufall – wie gesagt: ein kluger Gefährte – verwandelte das ängstliche Vergnügen in ein reines. Bei einem privaten Abendessen traf ich kürzlich, nein, nicht John Cage, aber Helmut Lachenmann. Und wie das so ist: Irgendwann konnten wir nicht mehr sitzen und wollten nicht mehr am großen Tisch smalltalken. Also wanderten Lachenmann und ich in einer Altbauwohnung in Berlin-Charlottenburg umher, und ich fragte ihn nach seinem Verhältnis zu Aribert Reimann. Die Stunde war ...

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Opernwelt Juni 2011
Rubrik: Laudatio, Seite 44
von Stephan Mösch

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