Singing Mamas

Annika Mendrala und Julia Rutigliano über die Aktivitäten des Vereins «Bühnenmütter e.V.»

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Frau Rutigliano und Frau Mendrala, wo sind Sie und Ihre Kinder gerade?
Julia Rutigliano: Ich probe gerade in Schwerin. Mein Sohn ist bei meiner Mutter in München.
Annika Mendrala: Auf dem Weg nach Bern, da leite ich den Studiengang CAS Singstimme. Dann sind gleich wieder Proben für ein Konzert in Hamburg, wo ich auch lebe. Die Kinder sind bei meinem Mann und den Großeltern. 

Weil es mit der Betreuung nicht immer klappt, haben Sie zuerst die «Singing Mamas» und dann die «Bühnenmütter e.V.» gegründet.


JR: Ich habe vor fünf Jahren mit der Geburt meines Sohnes eine Facebook-Gruppe gegründet, die ursprünglich zum Austausch und als Babysitterplattform gedacht war – für an anderen Orten gastierende Sängerinnen mit Kind. Damit habe ich wohl einen Nerv getroffen, in kürzester Zeit hatte «Singing Mamas» mehrere hundert Mitglieder. Die Gruppe ist geschlossen, so dass der Austausch und auch das «Dampf ablassen» im geschützten Raum bleiben.
AM: Da war ich dann auch ganz schnell Mitglied. Die Initiative Bühnenmütter hat sich dann ab Mai 2021 an alle darstellenden Solokünstlerinnen gerichtet, die nicht in geschützten Kollektiven wie Orchester oder Chor organisiert sind. Zu unserer Überraschung haben sich dann viele Frauen angesprochen gefühlt, die wir ursprünglich gar nicht bedacht hatten: Neben Sängerinnen, Schauspielerinnen und Tänzerinnen kamen auch Dramaturginnen, Regisseurinnen, Theaterpädagoginnen, Bühnenbildnerinnen, sogar eine Intendantin! Lauter Frauen eben, die mit den Strukturen am Theater in die Bredouille kommen, wenn sie Kinder kriegen. Jetzt sind wir sogar ein Verein.

Warum haben Sie eine Pilotstudie mit den Müttern gemacht?
AM: Wir hatten das Gefühl, dass es vielen Müttern ähnlich geht, und bevor wir damit an die Öffentlichkeit gehen, wollten wir valide Zahlen und Fakten in Händen haben. Wir wollten zeigen, es gibt viele von uns, die diesen täglichen Spagat machen. Die Studie ist qualitativ angelegt gewesen. Es haben Frauen aus allen Sparten teilgenommen, erfolgreiche und weniger erfolgreiche, viele zwischen 30 und 45, aber auch jüngere und deutlich ältere. 

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse?
AM: Fast jede zweite Frau gibt offiziell möglichst nicht an, dass sie Mutter ist. Jede Vierte hat wegen ihrer Mutterschaft einen Job verloren. 45 Prozent der Frauen haben aufgrund ihrer Mutterschaft diskriminierendes Verhalten erfahren. 71 Prozent haben Angst vor Altersarmut – der Schnitt in Deutschland liegt, auch das ist ja bereits sehr hoch, bei rund 50 Prozent. 91 Prozent der Befragten haben in der Ausbildung keinerlei Vorbereitung zum Thema Vereinbarkeit von Bühnenberuf und Mutterschaft erfahren – nur «Ratschläge» wie «Wenn du jetzt ein Kind bekommst, ist die Karriere vorbei». Eine krasse Erfahrung hatte ich persönlich: An einem Theater ging es im Gespräch um unsere Initiative; eine zufällig anwesende Schauspielerin erzählte, sie habe einen Kredit aufgenommen, um den Babysitter für die Abenddienste zahlen zu können. Damit nicht genug: Ihre Ensemblekollegin hatte dasselbe getan. Diese Kolleginnen hatten nie darüber gesprochen! 

Wo sehen Sie Lösungsansätze?
JR: Es gibt ein paar Hauptanliegen. Zum einen eine Enttabuisierung der eigenen Mutterschaft, dass man sich trauen kann, darüber zu reden. Da gibt es eine Scham und die Angst, Nachteile zu erleiden. Das klingt total absurd, ist aber so. Zum anderen sollte es einen offenen Diskurs geben, ob die Probenzeiten verbessert werden können. Das soll nicht heißen, dass wir die Abendproben abschaffen wollen. Wenn aber mehreren Müttern innerhalb einer Produktion damit geholfen wäre ... Ich kenne ein Haus, an dem die Probenzeiten nach Möglichkeit Rücksicht auf die «Singing Mamas» nehmen – es geht also. Oder die Samstagsproben: Die sind für Mütter fast immer mit Babysitterkosten verbunden, wenn der Partner nicht unterstützen kann. An den meisten Theatern gibt es eine Unterkunftsliste. Warum keine Babysitterliste? Wichtig wäre auch eine bessere Planbarkeit – dass ich nicht erst heute um 14 Uhr erfahre, ob ich morgen Probe habe.
AM: Chorsängerinnen haben Wochen- oder sogar Monatspläne. Das soll nicht heißen, dass das eine Forderung auch für die Einzelkünstlerinnen ist, aber es wäre eine Unterstützung für Mütter. Die Achtung und Wertschätzung für Care-Arbeit ist in Deutschland schlecht, und am Theater sieht man diese Problematik wie im Brennglas. Schulen, Hochschulen und Behörden sind wie die Theater auch öffentlich finanziert, aber da sind die Strukturen familienzugewandt. Wenn im Theater diese Themen nicht nur auf der Bühne, sondern auch dahinter verhandelt würden, wäre das revolutionär.
www.buehnenmuetter.com


Opernwelt Januar 2023
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Stephan Knies

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