Sex ist nicht alles

«Don Giovanni» in Mainz

Opernwelt - Logo

Der Titelheld der Geschichte ist ein Verführer. Ein Sexprotz mit einem Eroberungsverzeichnis, das stolze 2065 Eintragungen aufweist. Was also liegt näher, mag sich Regisseur Georges Delnon, in Richtung Basel schei­dender Intendant des Mainzer Staatstheaters, gefragt haben, als jede Menge Sex auf der Bühne?
So lag gleich am Anfang Donna Anna nur spärlich verhüllt auf der Bühne, schlief Donna Elviras Zofe nackt im Zimmer ihrer Herrin. Bei dieser wiede­rum versuchte Leporello schon während der Registerarie sein Glück.

Da zugleich auch Masetto und Zerlina hinter der Szene mit Kopulation beschäftigt waren, gab es lautstarke synchrone Lustschreie zu vernehmen. Don Giovanni schließlich vernaschte noch die unglückliche Donna Elvira, während die Statue des Komturs – in Mainz eine kopflose Schaufensterpuppe – schon vor seiner Tür stand.
Das andere Prinzip von Delnons Regie bildeten aparte Bildfantasien und ständige Bewegung. Da war alles stets mobil, transportierten Laufbahnen die Akteure über die Bühne. Immer wieder verdeckte eine fahrbare Zwischen­wand die Darsteller, um den Blick auf sie dann gleich wieder freizugeben; Schaufenster-ähn­liche, fahrbare Käs­ten garantierten vari­ab­le ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2006
Rubrik: Thema, Seite 33
von Gábor Halász

Vergriffen
Weitere Beiträge
Kontrollierte Emotion

Johannisnacht – mit dem nervösen Herzschlag der Pauken und unortbarem Summen zeichnet Philippe Boesmans in seiner Kammeroper «Julie» die subtile Spannung dieser Nacht der Lizenzen und der Triebe. Es darf geträumt werden, und Boesmans gönnt der Köchin Christine unterm Holderbaum ein melodisch fortziehendes Sehnsuchtsmotiv, das noch wiederholt durch die Instrumente...

Fliehende Zeit

Thornton Wilder veröffentlichte 1931 seinen Einakter zum Fest: «The Long Christmas Dinner». Darin bringt er ein Weihnachtsmenü auf den Tisch, das, streng genommen, neunzig Jahre dauert. Hier werden Handlungen, Ereignisse, Stimmungen eines knappen Jahrhunderts mosaikartig zusammengetragen; während die Ahnen auf der einen Seite die Bühne verlassen, kommen ihre...

Vom Varieté auf die Couch

Zwischen Farce und Drama liegt manchmal nur ein ­Augenblick. Ist die Stimmung gerade noch heiter überdreht, funkt plötzlich das böse Schicksal dazwischen und bringt alles auf Tragödienkurs. Die Lacher verstummen, die Mienen verdunkeln sich. Die Lust am schrillen Unsinn schlägt jäh in depressiven Tiefsinn um. Und doch kommt die Nähe des scheinbar Disparaten nicht...