Seismograph der menschlichen Sinne

Dietrich Fischer-Dieskau zum siebzigsten Geburtstag von Aribert Reimann

Opernwelt - Logo

Es ist mir noch wie gestern, dass 1958 ein blond gelockter junger Mann unser Haus betrat und mich mit seinem Klavierspiel samt souveränem Vom-Blatt-­Lesen verblüffte. Ich hatte mich nach einem Korrepetitor umgesehen, und mein Lehrer Hermann Weißenborn gab Ariberts stets aufmerksamer Mutter Irmgard Reimann den Rat, es doch einmal mit mir zu versuchen. Aber was ich hier hörte, war etwas ganz anderes als das bisher Gewohnte. Zunächst galt es, Mahlers «Lied von der Erde» einzustudieren, das erstmalig in der Alt-Partie von einem Mann gesungen werden sollte.

 Dann den Mittenhofer, die zentrale Figur in der Oper «Elegie für junge Liebende» von Hans Werner Henze, die in Schwetzingen vor ihrer Premiere stand. Dank der unbeirrten, zielsicheren Arbeit mit Aribert wurde das Werk rasch verstanden und verarbeitet. Als der Komponist nicht lang vor der Premiere hinzu kam, um uns etwas nervös probeweise zu diri­gieren, war zu merken, um wie viel überlegener als von seinem Schöpfer das Werk vom Pianisten verstanden und beherrscht worden war. Es wurde eine – man darf wohl sagen – fruchtbare Zusammenarbeit mit Aribert Reimann da­raus. Die Arbeit konnte – für damalige Begriffe raffiniert – reduziert ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt März 2006
Rubrik: Magazin, Seite 20
von Christoph Vratz

Vergriffen
Weitere Beiträge
Elegie für reife Liebende

Es klingt alles so überlegen, wohldisponiert und kenntnisreich. Kein inszenierter Event, sondern eine Geschichte mit Geschichte, eine in der alles zusammenpasst. Lange hat sich Edita Gruberova Zeit gelassen für die Partie der Norma. Hat sich in konzertanten Aufführungen an die schwerste aller Bellini-Rollen he­rangetastet, erst in Tokio, dann in Wien und...

Klingende Wissenschaft

«Wehe der Zeit, die keine Helden hat», klagt Galileos Lieblingsschüler. Und der Meister flüstert ihm zu: «We­he der Zeit, die Helden nötig hat». Dann wendet er sich zu Tisch, weil er, der von der Inquisition überwachte, verachtete und gebrochene Wissenschaftler, immer noch gern isst. So endet Michael Jarrells Oper «Galilée», ein Werk, im Auftrag des Genfer Grand...

Fliehende Zeit

Thornton Wilder veröffentlichte 1931 seinen Einakter zum Fest: «The Long Christmas Dinner». Darin bringt er ein Weihnachtsmenü auf den Tisch, das, streng genommen, neunzig Jahre dauert. Hier werden Handlungen, Ereignisse, Stimmungen eines knappen Jahrhunderts mosaikartig zusammengetragen; während die Ahnen auf der einen Seite die Bühne verlassen, kommen ihre...