Sehnsuchtsbilderbogen
Er atmet schwer, der alte Mann. Einen weißen Leinenanzug hat er angelegt. Als werde es bald Frühling oder Sommer in seinem leeren Lebensabendbunker. Schlurft hierhin, dorthin, hält inne, horcht und blinzelt, ob sich was regt im Halbdunkel zwischen den anthrazitgrauen Wänden. Aber es bleibt still. Kein Laut, nirgends. Nicht mal der schüttere Herbstlaubregen, der aus dem Schnürboden rieselt, macht ein Geräusch. Doch dann, plötzlich, leuchtet eine Kammer auf, hinten, wo eben noch nur Beton war. Ein junger Fuchs schaut heraus, ein wenig scheu, aber quicklebendig. Der Alte glaubt es kaum.
Ein Traum?
Frank Hilbrichs Dresdner «Füchslein» ist tatsächlich ein Traum. Kopfkino voller Melancholie. Der Sehnsuchtsbilderbogen eines Menschen, der sein nahes Ende fühlt. Wehmutsszenen der Erinnerung an frischere Tage, als das Wünschen noch geholfen hat. Als er sich noch gespürt hat, der altersweiße Mann, Janáceks Förster. Das stumme Vorspiel weist den Weg – nicht in ein märchenhaftes «Waldidyll» mit putzigen Felltieren und Federvieh, sondern ins schwache Herz dieses Kauzes, der – ein letztes Mal? – die Geister seiner Vergangenheit herbeifantasiert. Vor allem die junge Frau mit der flammenden Mähne, ...
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Opernwelt Dezember 2014
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Albrecht Thiemann
Einen «Super-Gau» haben wir genannt, was die rechtskonservative, von dem xenophoben Populisten Geert Wilders geduldete niederländische Minderheitsregierung vor drei Jahren in einer ihrer ersten Amtshandlungen beschloss: 20 Prozent weniger staatliche Förderung für die Künste (siehe OW 8/2011). Allein «Dachmarken» wie die Nationale Opera & Ballet oder das...
Island ist, geologisch betrachtet, ein Küken auf unserem Planeten. Auch als Republik hat es eine junge (bis 1944 zurückreichende) Geschichte. Die Entwicklung der letzten Jahre stellt trotzdem alles an Tempo in den Schatten. Manche Einwohner des kleinen Landes haben das Gefühl, überrollt zu sein von den Ereignissen. Da ist natürlich die Finanzkrise von 2008, deren...
Draußen scheint der Kampf noch in vollem Gang. Eine Sirene ertönt. Es fallen Schüsse. Ein ewiger Aufschrei, unterbrochen allenfalls von den Marschtritten unzähliger Soldaten. Drinnen im Theater dagegen Totenstille. Erst nach und nach erheben die Gefallenen ihre Stimmen, wortlos weinend in der Finsternis, die sie umgibt. Sie steigen nicht aus den Gräbern, die nach...
