Sehnsuchtsbilderbogen
Er atmet schwer, der alte Mann. Einen weißen Leinenanzug hat er angelegt. Als werde es bald Frühling oder Sommer in seinem leeren Lebensabendbunker. Schlurft hierhin, dorthin, hält inne, horcht und blinzelt, ob sich was regt im Halbdunkel zwischen den anthrazitgrauen Wänden. Aber es bleibt still. Kein Laut, nirgends. Nicht mal der schüttere Herbstlaubregen, der aus dem Schnürboden rieselt, macht ein Geräusch. Doch dann, plötzlich, leuchtet eine Kammer auf, hinten, wo eben noch nur Beton war. Ein junger Fuchs schaut heraus, ein wenig scheu, aber quicklebendig. Der Alte glaubt es kaum.
Ein Traum?
Frank Hilbrichs Dresdner «Füchslein» ist tatsächlich ein Traum. Kopfkino voller Melancholie. Der Sehnsuchtsbilderbogen eines Menschen, der sein nahes Ende fühlt. Wehmutsszenen der Erinnerung an frischere Tage, als das Wünschen noch geholfen hat. Als er sich noch gespürt hat, der altersweiße Mann, Janáceks Förster. Das stumme Vorspiel weist den Weg – nicht in ein märchenhaftes «Waldidyll» mit putzigen Felltieren und Federvieh, sondern ins schwache Herz dieses Kauzes, der – ein letztes Mal? – die Geister seiner Vergangenheit herbeifantasiert. Vor allem die junge Frau mit der flammenden Mähne, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Dezember 2014
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Albrecht Thiemann
Mist. Es weihnachtet schon wieder. Nicht, dass ich diese Jahreszeit nicht mag. Nur ist für uns Sänger jetzt sozusagen rush hour. Früher hieß Weihnachten für mich vor allem, «Messias» singen. «Messias», «Messias», «Messias», bis zum Abwinken. Ich wette, meine deutschen Kollegen würden dasselbe über das «Weihnachtsoratorium» sagen. Bloß der Satz wäre viel länger.
Als...
Es vergeht kein Monat, ohne dass neue hörenswerte Aufnahmen mit Countertenören auf den Markt kommen. Drei der vier Sänger, deren neueste Alben hier vorzustellen sind, gehören schon zu den etablierten Vertretern ihres Fachs. Der junge Italiener Raffaele Pe ist noch nicht so bekannt, und ob es ihm gelingen wird, zu den Stars der Countertenorszene aufzuschließen,...
Als luxuriöses Dekor der Intimität setzt Erich Wolfgang Korngold das Orchester in seiner Oper «Die tote Stadt» ein. Der sagenhafte Erfolg dieses Stücks, das schon ein Jahr nach seiner deutschen Uraufführung – am 4. Dezember 1920 – an der Met in New York herauskam, liegt vor allem darin, den Ersten Weltkrieg nicht als Bruch mit der opulenten Lyrik des deutschen Fin...
