Sehen, was man schon hört

Messiaens «Saint François» in der Elbphilharmonie nervt mit optischer Verdopplung

Opernwelt - Logo

Der Waldweg nach La Verna ist beschwerlich. 120 Kilometer nördlich von Assisi liegt die Einsiedelei, die der Graf Orlando dei Cattani einst dem Franz von Assisi als Rückzugsort anbot. Die heilige Ruhe dort sei geeignet für die Betrachtung Gottes. Als der heilige Franziskus den Berg besucht, empfängt ihn «eine große Schar Vögel unter fröhlichem Singen und Zwitschern».

Olivier Messiaen, der Katholik, Komponist und Ornithologe, eröffnet den zweiten Akt seiner Oper «Saint François d’Assise» just mit einer Klangvision von La Verna, schickt einen singenden Engel auf den Pfad zur Klosterpforte, wo er den Franziskanern eine Frage nach der Vorsehung stellt.

In der Hamburger Elbphilharmonie, wo Kent Nagano nun die «Franziskus-Szenen» seines einstigen Mentors mit der (Überzeugungs-)Kraft kontemplativer Konzentration dirigierte und so vollkommen in seinem musikalischen Element aufzugehen schien wie sonst selten, da bekommt das Publikum zum assoziativ aufgeladenen Klangbild auch noch genau das zu sehen, was es schon hören darf. In optischer Verdoppelung werden blühende Landschaften des italienischen «cuore verde» namens Umbrien eingeblendet, die farbigen Fresken der Ober- und Unterkirche von ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2024
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Peter Krause

Weitere Beiträge
Funkenflug

Nach gehörig zackigem Beginn: alles ein großer Seufzer. Die äußeren Umstände, der falsch gedeutete Scheintod der Giulietta, das verzweifelt vorzeitig genommene Gift zum Tode des Romeo, all das ist nur die schnöde Außenwelt eines inneren Dramas, das sich in Bellinis überlangen Bögen abrollt vom ersten Moment an, als Rosa Feola, «in lieta vesta», zur Hochzeit mit dem...

Chiaroscuro

Der Seeheld glaubt, er sei durchaus berechtigt, seiner vermeintlich untreuen Braut das Leben zu nehmen. Denn er kann sich dabei – kaum zu glauben, aber wahr – auf eine in Italien noch bis vor wenigen Jahrzehnten gültige Rechtsordnung berufen, in der die Tötung aus Eifersucht zu den Kavaliersdelikten zählte. Jedenfalls bei männlichen Tätern. Regisseur Allex Aguilera...

Klang der Heimat

Als Daniel Ott und Manos Tsangaris 2016 die «Münchener Biennale für neues Musiktheater» übernahmen, gab es erst einmal ein großes Aufatmen. Nicht dass Peter Ruzicka, der unmittelbare Vorgänger, keine erfolgreiche Arbeit geleistet hätte. In seiner Ära brachte die Biennale einige Werke zur Uraufführung, die tatsächlich das leisteten, wonach Ruzicka stets suchte: die...