Schreiben, treiben
Eine Frau betrügt ihren Mann mit einem Jüngling. Ihr Mann gibt ihr das Herz des Jünglings zu essen, woraufhin sie sich umbringt. Eine klassische Dreieckskonstellation mit blutigem Ausgang. Eine Geschichte, die erzählt werden will. Und in George Benjamins «Written on Skin» (siehe OW 9-10/2012) wird sie erzählt – vordergründig linear. Doch Martin Crimp spielt in seinem Libretto auf faszinierende Weise mit der Erzählperspektive. Zunächst bleiben die Figuren namenlos – «the boy», «the woman», «the man» – wodurch das Dreieck im archetypisch Allgemeinen verortet wird.
Dass die Figuren ihre eigenen Erzähler sind («... says the woman», singt etwa Agnès), verstärkt die Distanz zum Geschehen und verweist zugleich auf das Buch, das der Jüngling schreibt: Die Figuren sind auch Figuren dieses Buches. Vor allem eine will sich daraus lösen, will selbst gestalten: die Frau, Agnès. Denn es ist nicht ihre Geschichte. So fällt, als sie mit dem Jüngling eine Liebesbeziehung beginnt, der Erzähler weg, zugunsten der direkten Rede. Ein Naherücken. Ein Ringen um Identität. Und gerade dort, wo Agnès’ Selbst bestätigt oder verleugnet wird, bricht die Singstimme aus dem litaneihaften Kreisen über ...
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Opernwelt Juli 2014
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Wiebke Roloff
Alles auf Anfang. Es ist, als werde in Zürich die Erfindung der Oper anhand eines der frühesten Exemplare des Genres nachgestellt. Stockdunkel das Haus. Aus der Düsternis heraus beginnt eine der drei Chitarronen, die zuvor riesenhaft aus dem Graben auf die Bühne ragten, zu fantasieren. La Scintilla, diesmal nur 16 Köpfe stark, tastet sich – immer noch kein Licht –...
Tamerlano» (1724) wird von Händel-Kennern wegen seiner harmonischen Kühnheit und der atemberaubenden Selbstmordszene des türkischen Sultans Bajazet, eine der raren großen Tenor-Partien der Opera seria, geschätzt, vom Publikum aber eher als spröde gefürchtet. Mit diesem Eindruck macht Riccardo Minasi jetzt Schluss. Seine Tempi zielen nicht auf vordergründigen Drive,...
Düsternis liegt auf der Bühne, graue Schlieren schwärzen sich nach und nach ein. Drei Podeste, nach hinten gestaffelt, heben und senken sich, gegeneinander versetzt. Auf dem mittleren steht Otello, das sturmgepeitsche Meer fest im Blick. Man meint die perlende Gischt auf der Haut zu spüren, während der Chor um die heile Rückkehr des Kommandanten und seiner...
