Schöne neue Sachlichkeit

«Chowanschtschina» unter Michael Boder und Stein Winge – ein DVD-Mitschnitt aus Barcelona

Auch wenn Mussorgsky seine «Chowansch­­tschina» weder instrumentieren noch beenden konnte (das Finale des 2. Bildes und der Schlusschor fehlen): Ein zusammenhang­loser Bilderbogen aus Versatzstücken russischer Geschichte, wie oft behauptet, ist diese dicht gefügte, aber mit Shakespeare’scher Personenvielfalt gesegnete Tragödie über den Putsch und Fall der Fürsten Chowanski im 17. Jahrhundert (nichts anderes bedeutet der Titel) nicht.

Vier Parteien ziehen am selben Strang, wenn auch in unterschiedliche Richtungen: die Altgläubigen, die unter ihrem Führer Dossifej Widerstand gegen die Verstaatlichung des Glaubens in einer zaristischen Zentralkirche leisten; ihr konservativer Sympathisant Iwan Chowan­ski, der mit seiner Schlägermiliz der wachsenden Zentralgewalt der Romanows Einhalt zu gebieten versucht und sich, gestützt auf reaktionäre Kräfte, Hoffnungen auf den Thron macht; der prowestliche, proreformerische Minister Golyzin, der im Zweifelsfall bereit ist, sich auf die siegreiche Seite zu schlagen; schließlich der von keinerlei Skrupeln oder Ideen behinderte Aufsteiger Schaklowitij, der sich nicht öffentlich exponiert, sondern durch Denunziationen aus dem Hinterhalt das Zarentum ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2008
Rubrik: DVDs, Seite 72
von Boris Kehrmann

Vergriffen
Weitere Beiträge
Schwarz und Weiß

Die alte dramaturgische Devise vom «Theater auf dem Theater» liegt bei der Oper «Ariadne auf Naxos» so nahe, dass man sie als ausgeleiert abbuchen könnte. Sie ist aber gerade dieser Oper fest eingeschrieben, und so erlebt der Besucher von Robert Carsens Neuinszenierung bei den Münchner Opernfestspielen das doppelte Theater schon vor Beginn der Aufführung im...

Utopisch vergnügt

Kennt man nicht, will man nicht

Von Glanz und Elend des Operettenbetriebs

Die Operette lebt, weil sie unsterblich ist. Oder?» Das sagte einmal ein nicht ganz unwichtiger Komponist der «Heiteren Muse», Robert Stolz. Und gab damit die Antwort auf einen Wiener Miesepeter namens Hans Weigel, der in den sechziger Jahren glaubte, das Ende der Operette konstatieren zu...

Nach Sonnenfinsternis

Die exorbitanten Benzinpreise hatten offenbar auch viele sonst im eigenen Gefährt anreisende Besucher des Festivals von Glyndebourne dazu veranlasst, wie in alten Zeiten den Zug zu benutzen. Auf jeden Fall war der oben beim Ausgang der pittoresken Bahnstation von Lewes wartende Zubringerbus, ein geräumiger Doppeldecker, bald überfüllt und ließ etwa zwei Dutzend...