Schein und Sein

Händel: Tolomeo
LÜBECK | THEATER

Anno 1728, auf der einsamen Höhe seiner auf das Wesentliche fokussierten Kunst des Komponierens, lässt Händel die Tropfen des bitteren Kelches gleichsam in die Venen des Helden Tolomeo einsickern. Der wähnt sich dem selbst gewählten Gifttode ganz nah, als er in seiner Arie «Stille amare, già vi sento» fragt: «Wo bin ich, lebe ich noch?» Der einstige König von Ägypten ist nach Zypern geflohen, watet auf der einsamen Insel durchs Wasser. Es gibt kein Entrinnen.

Fünf Gestrandete hat es auf das unwirtliche Eiland geworfen, die hochgradig Vereinzelten kommen aus ganz anderen Welten, sind nun zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammengeschweißt.

Weder männliche Großartigkeit noch weibliche Exaltiertheit zählen noch – es fehlt das Publikum der Bewunderer. Doch ihre alten Attribute schleppen sie weiter mit sich herum. Auf fünf Tischen – Inselchen des Individuellen innerhalb des gottverlassenen Gebiets – packen sie ihre Habseligkeiten aus, setzen sich noch einmal in Szene und werden doch schmerzlich auf sich selbst zurückgeworfen. Geschlechtsspezifisch heroisch und standesgemäß trägt Araspe, der baritonpolternde König von Zypern (Johan Hyunbong Choi), seine Krone, Säbel und Peitsche. ...

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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 41
von Peter Krause

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