Grandioser Drahtseilakt
Gleich im ersten Bild von Evgeny Titovs Inszenierung der Schicksalsoper «Lady Macbeth von Mzensk» herrscht beklemmende Tristesse. Die Bühne (Christian Schmidt) ist verödet und grau, von den Wänden starrt der Schmutz; das alles erinnert doch sehr an einen verlassenen Schlachthof oder Gefängniswaschraum. Die abweisende Kälte dieses Ortes steht in diametralem Gegensatz zu den glühenden Gesangslinien, mit denen Cornelia Beskow zu Beginn die gefährlich brodelnde Seelenverfassung der Titelfigur auslotet.
Hinter ihrem Rücken lauern die wuchtigen, an Grabplatten gemahnenden Kacheln und das marode Metallgerippe einer Dusche. In deren Bannkreis lässt der Regisseur, erkennbar inspiriert von der legendären Messerattacke in Hitchcocks «Psycho», alle Schlüsselszenen von Schostakowitschs Musikdrama als grandioses Kabinettstück spielen – bis hin zum Doppelmord, den die Kaufmannsfrau Katerina Ismailowa an ihrem Schwiegervater und ihrem Ehemann begeht.
Die junge Aksinja (Michelle Ryan) wird dort von einer Horde Arbeiter vergewaltigt, auch die erste sexuelle Begegnung zwischen Katerina und ihrem Liebhaber Sergej findet hinter dem eilig zugezogenen, semitransparenten Duschvorhang statt. Gutsherr ...
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Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Silvia Adler
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