Alles Schwere so leicht

Ein geschmackvoll gestalteter Band erinnert an die Kostümbildnerin Renate Schmitzer

Das Outfit ist, nun ja, gewagt. Vor allem, wenn man bedenkt, aus welcher Zeit es stammt. Die 1950er-Jahre in Deutschland waren noch nicht unbedingt von jenem freien Geist geprägt, den die Generation danach etablieren sollte. Das Abendkleid jedoch, das die junge Frau mit dem verschmitzten Lächeln trägt, kündet von der kommenden Avantgarde: weitgeschwungen in der Taille, bis auf den Boden reichend, in der Büste figurbetont und ziemlich buntgescheckt. Dazu elegante weiße Handschuhe, die bis über die Ellenbogen reichen, und ein Collier, das einen Hang zum Mondänen verrät.

Renate Schmitzer, die «verrückte Nudel», wie sie eine Mitstreiterin einmal nicht ohne Bewunderung nannte, konnte das tragen. Und nicht nur, weil sie attraktiv war. Sie wusste, was ihr selbst ein vorteilhaftes Äußeres verlieh. Mehr aber noch besaß sie ein stilsicheres Gefühl dafür, was anderen Menschen stand, nicht nur Frauen. Sie hatte ihr Handwerk von der Pike auf gelernt, zunächst als Schneiderin, dann als Gewandmeisterin, und sie besaß diesen Blick für das Andere, Ungewöhnliche, Besondere.

Als sie 1967, nach Hospitanz und Assistenzen an den Städtischen Bühnen Köln, am Theater Dortmund ihr erstes Festengagement ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2020
Rubrik: Magazin, Seite 59
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Klassenkampf in der Aristokratenküche

Bevor für mindestens einen Monat alle Türen schlossen und sich kein einziger Vorhang mehr öffnete, mussten wir sehr schnell noch einmal in die Oper, und, der Zufall wollte es so, aus einem schönen Anlass. In Düsseldorf gibt es ein Werk, das kein Mensch kennt, das grandios schöne Momente hat und das von einem Komponisten stammt, der mit einem anderen Stück berühmt...

«Erschüttert und voller Sorge»

Es ist ein prachtvoller Bildband, den der Schott Verlag zu seinem 250. Geburtstag herausgebracht hat: eine Übersicht all der Erstausgaben, der Niederlassungen in aller Welt, vor allem aber der großen Komponisten, die man bei ihrer Arbeit begleitet und auch bezahlt hat, von Beethoven über Wagner bis Strawinsky, von Hans Werner Henze über György Ligeti bis Chaya...

Und morgen wird die Sonne wieder scheinen

Schade eigentlich, dass Richard Strauss, der Komponist des Unbotmäßig-Überbordenden, sich nie je in Gesamtheit die «Orestie» des Aischylos vorgenommen und aus dem antik-mythischen Welttheater nur seine «Elektra» destilliert hat. Seine Neigung zu griechischen Stoffen (Daphne, Danae etc.) hätte ihn gewiss befähigt, die drei Teile des antiken Dramas über menschliche...