Russische Passion
Fangen wir an mit den Farben. Mit dem Rot, Gelb und Blau, dem Weiß, Schwarz und Grau der bühnengroßen Prospekte, die hinten auf- und niederfahren. Unentwegt verändern die riesigen Leinwände ihre Anmutung, in sanft fließender Bewegung. Strahlen wie die Sonne, glühen wie Höllenfeuer, werden dunkel wie die Nacht, grünen wie der Frühling. Metamorphosen des Lichts, die an die color field-Malerei des amerikanischen Expressionismus denken lassen.
An Mark Rothko und Barnett Newman, jene Mystiker der Pigmente und Propheten der reinen Abstraktion, die mit jedem ihrer großformatigen Bilder das Erhabene suchten, einen Hauch der Ewigkeit. Eine Wahrheit, die allen Ballast der Geschichte und des Gedächtnisses abgeschüttelt, sich gleichsam auf null zurückversetzt hat.
Wenn heute noch ein Regisseur an das Erhabene glaubt, dann heißt er Peter Sellars. Die Macht der Künste, eine existenzielle «Bewegung des Gemüts» (Kant) auszulösen oder uns, wie Schiller es formulierte, «einen Ausgang aus der sinnlichen Welt» zu verschaffen, um eine höhere Wahrheit zu schauen – an dieser Utopie hält Sellars fest. Natürlich ist er kein Mann der ästhetischen Theorie, und das (politische) Thesentheater ist ihm so fremd ...
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Einakter sind Stiefkinder des Opernbetriebs. Wirklich?! Wären sie wirklich gut – wie im Fall von «Cavalleria rusticana» und «Bajazzo» –, würden sie den Weg in die großen Opernhäuser schon finden. So könnte man jedenfalls sagen. Starke Einakter von «Salome» bis «Erwartung», von Zemlinskys «Zwerg» bis zu Ravels «L’Heure espagnole» haben sich in ihrer Wirkung nie...
In der zweiten DVD-Staffel von Aufführungen der Metropolitan Opera greift Sony in den Fundus und präsentiert Produktionen, die teilweise älter aussehen, als ihr Entstehungsdatum vermuten lässt. Das gilt insbesondere für die Inszenierungen von Franco Zeffirelli, dem Verfechter eines traditionellen und kulinarischen Musiktheaters, das hier im Falle von «Otello» und...
Am allerfremdesten bei Bellinis für uns heute so fremder Musik ist ihr Umgang mit der Zeit. Die Zeit spielt klingend nämlich überhaupt keine Rolle. Zumindest die dramatische Zeit, also diejenige, die den Ablauf der Handlung bestimmt. Wenn sich die Ereignisse auf der Bühne zuspitzen, spitzt die Musik überhaupt nichts mit. Sie ergeht sich in elegischem Stillstand....
