Rückzug auf Raten

Juristisch mögen die Anschuldigungen gegen Plácido Domingo wegen sexueller Übergriffe nicht zu fassen sein, moralisch jedoch legt sich ein langer Schatten auf die Karriere des Künstlers

Opernwelt - Logo

Anne Sofie von Otter in strengem Schwarz mit Gretchenfrisur als L’Opinion publique konnte dieses Jahr im Salzburger «Orphée aux enfers» mit der speziellen Sympathie des Publikums rechnen. Doch die «Öffentliche Meinung» schien auch an der Salzach weit über Offenbachs Opéra-bouffon hinaus wirksam. Sind ihre eigentlichen Spiel- und Jagdwiesen nun doch – es lebe die Raute – Twitter & Co.

Wie eben das Phänomen #MeToo (das im Übrigen auch in von Otters Privatleben verhängnisvoll eingebrochen war, hatte sich ihr Gatte, Schauspielintendant Benny Fredriksson, im vergangenen Jahr nach einem auf haltlosen Anschuldigungen basierenden «Shitstorm» gegen seine Person doch das Leben genommen). In diesem Sommer nun geriet Plácido Domingo ins Visier, der Tenorissimo, Maestro, Sovrintendente und inkriminierte Don Juan. Zunächst waren es laut Associated Press elf Frauen, die ihm konkret sexuelle Belästigung oder Missbrauch vorwarfen. Durfte man in Salzburg in diesem Zusammenhang etwa auch an das Genie Amédée und das von ihm in Musik gesetzte Manifest der Lendenstärke, die Registerarie, denken? «Purché porti la gonnella, voi sapete quel che fa ...»?

Auf jeden Fall hatten, wie bekannt, die San ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2019
Rubrik: Magazin, Seite 71
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Ehrenrettung

Alfredo Casella (1883-1947) war ein Hauptvertreter der so genannten «generazione dell’ottanta», die sich radikal von der spätromantischen Wagner-Nachfolge wie vom italienischen Verismo abwandte und die Zukunft der Musik in der Rückbesinnung auf die alten Formen, in einem bewussten Klassizismus sah. Im Musiktheater bedeutete das eine Abkehr von mythologischen und...

Poesie und Schrecken

Alte Liebe rostet nicht. Aber sie vergeht, irgendwann. Das muss auch Wotan, der Wanderer, erkennen, als er, nietzscheanisch beflügelt, Erda aufsucht, die verblühte Schönheit. Reglos, ermattet liegt sie auf jenem breiten Bett, das dereinst beider Leidenschaften diente. Aber auch der Gott ist müde geworden, nicht länger vermag er zu glauben, alle Lust wolle...

Hochgradig aktuell

Wieso steht im Bauhaus-Jubiläumsjahr Paul Hindemiths «Cardillac» eigentlich nicht viel öfter auf den Spielplänen? Lediglich in Antwerpen gab es eine Neuproduktion. In Deutschland hat sich nur das Theater Hagen daran erinnert, dass die Uraufführung 1926 in die Blütezeit des Bauhauses fiel, als der Komponist enge Beziehungen zu der Bewegung pflegte. Tatsächlich ist...