Rückfall
«Traurig», stöhnte der Meister übers Libretto aus der Textwerkstatt à la Scribe, «demütigend», «uninteressant». Dann auch noch eine Primadonna, die kurzfristig aus Paris verschwand: Giuseppe Verdis «Les Vêpres siciliennes», so scheint es, sind die Presswehen noch heute anzumerken. Also Machwerk? Oder doch Vorzeichen der Moderne? Dabei fällt der Fünfakter ja gar nicht heraus aus dem Œuvre. Da wäre zum Beispiel die starke, zerrissene Vaterfigur des Montfort, ein Verwandter Germonts und Philipps.
Oder das Hineintreiben der Figuren in Extremsituationen, in denen der emotionale (und selten bewältigte) Ausnahmezustand wichtiger wird als Stringenz und Logik. Eine fast laborhafte Dramaturgie also, die im Augenblick des Konflikts ihre höchste Dramatik findet – nicht anders funktionieren «Il trovatore» und «La forza del destino».
Die Voraussetzung freilich: Der Regisseur muss sich diesen Kraftfeldern, ihren immer neuen, auch ruckhaften Ausrichtungen stellen. An der Bayerischen Staatsoper sieht man anderes. Es ist ein Rückfall in den dort gern gepflegten Inszenierungsstil, der sich in Garnierung, im Finden eines ästhetischen, durchaus ambitionierten Rahmens erschöpft. Für Antú Romero Nunes ...
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Opernwelt Mai 2018
Rubrik: Panorama, Seite 59
von Markus Thiel
Die Tränen Sofias sind anders. Irgendwie weicher, samtiger. Dass sie aber so reichlich vom Himmel herabkullern, überrascht selbst Einheimische. Frühling sollte es sein, wenn Gäste aus aller Damen und Herren Länder in die bulgarische Kapitale kommen, aus Kanada und Österreich, Schweden und den USA, aus Litauen und Lettland, um sich im schmucken Opernhaus drei Tage...
Der Sprung aus dem Einst in die Gegenwart – wie oft gelingt er nur mit Verlust, verfehlt sein Ziel und lohnt den Aufwand nicht. Anders in Basel, bei Sergej Prokofjews Dostojewski-Musikalisierung «Der Spieler». Da darf mit Fug und Recht von der wohlgeratenen Umbettung eines Werks die Rede sein. Wer jetzt mit der späten Schweizer Erstaufführung konfrontiert ist, muss...
Mondsüchtiger Taumel, laszive Erotik, rasende Obsessionen – schon die betörend schillernde Klarinettenfigur, mit der Strauss die Prinzessin aus Judäa einführt, lässt keinen Zweifel, dass sich etwas zusammenbraut. Im sehrenden Anfang schwingt das tödliche Ende bereits mit. All die Exzesse, Fantasien und Gefühlsexplosionen, die der 1905 in Dresden uraufgeführten...
