Routiniert
«Theater muss sein.» So euphorisch und provokant (weil Theater eben Geld kostet) hat es der Deutsche Bühnenverein Ende der 1990er-Jahre propagiert, mit dem neckisch auf einem Punkt tänzelnden T. Die Aussage wurde seither immer wieder diskutiert ‒ besonders verzweifelt während der Pandemie, in der das Theater als Ort gesellschaftlicher Diskurse über Nacht seine Arbeit einstellte.
Und wenn jetzt Roland Schwab in seiner Essener «Pagliacci»-Inszenierung dem Canio ein Schild mit dem besagten Spruch wie einem Delinquenten um den Hals hängt, dann könnte das heißen, dass Theater eben auch eine Bürde sein kann, wenn die Politik seine Relevanz nicht mehr anerkennt und die Gesellschaft die Spieler alleinlässt.
Mag sein, dass diese Perspektive das Stück von Ruggero Leoncavallo allzu sehr überfrachtet hätte ‒ jedenfalls hält sich Schwab eher an Leoncavallos Programm, das Canios Widersacher Tonio im Prolog verkündet: Theater muss sein, weil es so aufwühlend realistisch sein kann. Dumm nur, dass manche Menschen das Theater zur Lösung der eigenen Probleme missbrauchen, weil nur das Bühnenleben ihnen die Kraft dazu verleiht.
So einer ist der Bajazzo Canio, den Sergey Polyakov in Essen mit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2021
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Michael Struck-Schloen
Es waren Bilder, die durch die Presse gingen, weit über Deutschland hinaus: Freiburger Hitlerjungen halten Mahnwache an den Särgen englischer Jugendlicher. Tags zuvor, am 17. April 1936, war eine Gruppe von 27 britischen Schülern mit ihrem Lehrer zu einer Wanderung in die Schwarzwald-Höhenwelt rund um den Freiburger Hausberg Schauinsland aufgebrochen. Fünf von...
Auf das Pandemie-Pech mit seiner sieben Monate anhaltenden Pause des Spielbetriebs folgte zur Wiedereröffnung das pure Primadonnenglück: Mit Händels frühem venezianischen Erfolg «Agrippina» wagte die Hamburgische Staatsoper zudem das Fernduell mit dem deutschen Branchenprimus, der Bayerischen Staatsoper in München. Denn von der Isar an die Alster wurde nun die...
Fangen wir ganz weit vorne an. Bei Orpheus, dem Ur-Sänger. Orpheus erhob seine Stimme, um die Götter zu besänftigen, er wollte seine geliebte Eurydike zurück, die im Totenreich weinte. Was er mit seiner Stimme und der Lyra vermochte, vergeigte der Sehnende allerdings durch seinen Argwohn. Weil er der Kraft der vokalen Überwältigung misstraute, schaute Orpheus sich...
