Rätselhaft klar
Festen Boden hat hier niemand unter den gründerzeitlich beschuhten Füßen. Weder die offenbar halluzinierende, taubenblau hochgeschürzte Frau, um die sich alles dreht. Noch die nachtschwarz gestrenge, am Stock gehende Gouvernante in ihrem Schlepptau. Ganz zu schweigen von jenem befrackten hohen Herrn, der sich auf den schrägen Planken mit verführerischer, meist stummer Gewalt taubenblaue Mädchen gefügig macht, bevor ihn der Zorn seiner Untertanen dahinrafft – einer uniformen Menge, die allerdings eher wie stehkragenbewehrtes Wutbürgertum denn wie rustikales Landvolk aussieht.
Schwankende Gestalten sind sie alle auf der portalbreit gekippten Scheibe, die da im leeren Guckkasten der Oper Graz rotiert.
Es ist ein in seiner scheinbar simplen Klarheit großartiges Raumbild (Katrin Lea Tag) für ein Stück, das schwer zu fassen ist. Schon wegen der dunklen Wortmusik, in die Maurice Maeterlinck die Geschichte von «Ariane et Barbe-Bleue» gegossen hat, eher mysteriöser Bewusstseinsstrom als pralle Handlung. Aber auch, weil Paul Dukas’ eigensinnige Partitur in einer Art Zwischenwelt zu schwingen scheint, an Wagner und Strauss wie an Debussy, nicht zuletzt am klassischen Formenkanon geschult, ...
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Opernwelt April 2018
Rubrik: Panorama, Seite 43
von Albrecht Thiemann
Einer der besten französischen Tenöre derzeit ist eigentlich Gastarbeiter. Der US-Amerikaner Bryan Hymel wird für Partien à la Berlioz geholt, bei denen es für die Kollegen schnell heikel wird. Und das Beste: Der 38-Jährige gibt nicht die Stratosphären-Trompete, überzeugt vielmehr mit Stilbewusstsein, idiomatischer Textbehandlung und verblüffender Leichtigkeit. So...
«Der Kaiser von Atlantis», Viktor Ullmanns allegorisches «Spiel in einem Akt» nach einem Text seines tschechischen Landsmanns, des Malers und Autors Peter Kien, ist wohl die einzige vollständige (Kammer-)Oper, die in einem Konzentrationslager der Nazis geschrieben wurde. Das ist nicht nur eine ungeheuerliche Episode der Musikgeschichte. Es ist auch ein Dilemma...
Ein Sonntagmorgen in Kassel. Die Stadt liegt noch im Schlummer. Auch rund ums Staatstheater am Friedrichsplatz sind nur einige versprengte Frühjogger zu sehen. Doch in einem der Zimmer brennt Licht. Und dort empfängt, nur zehn Stunden nach der begeistert aufgenommenen Premiere von Leoš Janáčeks «Jenůfa», Francesco Angelico zum Gespräch.
Seit Beginn dieser...
