Die Schlange an ihrem Busen
Oper oder Oratorium? Das ist hier nicht die Frage. Die Fakten sind eindeutig. Und besagen, dass «Saul», uraufgeführt am 16. Januar 1739 im King’s Theatre am Haymarket zu London, ein geistliches, typisch englisches Oratorium ist, in dem Georg Friedrich Händel, wie schon bei «Esther», «Deborah» und «Athalia», auf ingeniöse Weise Merkmale der italienischen Seria mit denen des deutschen Passionsoratoriums, der mehrchörigen lateinischen Psalmvertonung und des englischen Anthems verschmilzt.
«Ariodante» hingegen, vier Jahre zuvor am Covent Garden Theatre ins Taufbecken getaucht, ist per definitionem ein Dramma per Musica, mithin eine klassische Opera seria. Übrigens eine der besten aus Händels florierender Komponistenwerkstatt.
So weit die formal-inhaltlichen Unterschiede. Hat man aber nun in der von eisiger Kälte mitgenommenen kakanischen Metropole diese beiden Stücke gesehen – «Saul» im Theater an der Wien, «Ariodante» an der Staatsoper –, ergibt sich ein interessanter Befund. Nicht die Oper erscheint hier, und das beinahe genuin, als die geeignetere Bühnenform: Es ist das Oratorium. Und das hat vielfältige Gründe.
Es fängt mit den Räumen an. Und mit den Räumen in den Räumen. Die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Jürgen Otten
Mit «Alcina» begann 1978 die Geschichte der Karlsruher Händelfestspiele – damals noch auf Deutsch und gekürzt. Jetzt ist man zu dieser wohl populärsten, meistgespielten Oper Händels zurückgekehrt, auf Italienisch und ungekürzt. Mit über vier Stunden Spieldauer wurde es eines langen Abends Reise in die Nacht.
Händels Partitur, die für die erotischen Liebeswirren...
Seit der Uraufführung 2012 beim Festival in Aix-en-Provence ist George Benjamins «Written on Skin» um die halbe Welt gereist, meist in Katie Mitchells Originalinszenierung. Regisseur William Kerley und Ausstatter Tom Rogers zapfen jetzt frische Adern an: Opera Philadelphia hat eine packende Neuproduktion herausgebracht.
In Martin Crimps Libretto, das eine...
In die lange Reihe der gegenwärtig auf den Spielplänen kaum präsenten französischen Opernkomponisten gehört auch Daniel François Esprit Auber. Durch den gelegentlich gespielten «Fra Diavolo» ist er zwar nicht völlig in Vergessenheit geraten, doch Aubers 46 (!) weitere Opern sind weitestgehend unbekannt. Einer der zu seinen Lebzeiten größten Erfolge war mit mehr als...
