Demontage eines Idols
Zur Dialektik der Oper gehört das Widerspiel von Historizität und Aktualität: Als Gattung ist sie über 400 Jahre alt, und dennoch sind Ästhetik, Technik und Rezeption durch die jeweilige Moderne bestimmt. Das gilt, durchaus konkret, auch für die großen Musentempel des internationalen Hochkulturbetriebs, innerhalb dessen sie gewiss auch mancherlei Repräsentationsbedürfnisse zu erfüllen haben. Dafür steht nicht zuletzt die Architektur mit ihrer Einschüchterung durch Tradition und Monumentalität.
Gerade einige der hehrsten Hallen, so die Wiener Staatsoper oder das Moskauer Bolschoi-Theater (mit enormem Aufwand und Pomp erneuert und eröffnet), haben sich vor der Gegenwart immer weiter zurückgezogen, fungieren mit maximaler Platzausnutzung eher als Magnet fürs Touristengeld. Künstlerische Innovation ist da weniger gefragt.
Dann wieder gibt es Institutionen, die lange zumindest wenig Reise-Anreiz boten: Das Pariser Palais Garnier wie La Monnaie in Brüssel wurden erst durch Rolf Liebermann und Gerard Mortier aus einer Art Dornröschenschlaf erweckt. Während Metropolen wie Amsterdam oder Madrid nicht unbedingt Opernzentren waren, es aber mit dem Neubau des Muziektheaters, der Wiedergeburt ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 18
von Gerhard R. Koch
Es dauerte ziemlich lange, bis der Opernbetrieb das Attraktionspotenzial, fast möchte man sagen: den impliziten Eventcharakter der Grand opéra à la Meyerbeer neuerlich erkannte. Seit rund zwei Jahrzehnten aber scheint das Eis gebrochen und damit auch der lange Arm des Antisemiten und Meyerbeer-Hassers Richard Wagner. Von Einfluss war dabei wohl auch der dank des...
Als sich in England die Alte-Musik-Bewegung mit ihrem «authentischen Klangbild» zu formieren begann, lästerte der Dirigent Neville Marriner, dies sei so etwas wie eine makrobiotische Bewegung der Musikszene. Allerdings war Marriners Academy of St Martin in the Fields eines jener Ensembles, die schon davor über die romantische Konzertauffassung hinaus nach...
Oper oder Oratorium? Das ist hier nicht die Frage. Die Fakten sind eindeutig. Und besagen, dass «Saul», uraufgeführt am 16. Januar 1739 im King’s Theatre am Haymarket zu London, ein geistliches, typisch englisches Oratorium ist, in dem Georg Friedrich Händel, wie schon bei «Esther», «Deborah» und «Athalia», auf ingeniöse Weise Merkmale der italienischen Seria mit...
