Protokoll eines Lebenskampfes
Als sich Benjamin Britten Ende der 1960er Jahre mit der Vertonung von Thomas Manns «Tod in Venedig» zu beschäftigen begann, stellte er sich einer Herausforderung, die er sein ganzes Leben über gescheut hatte. «Ich bin so mutig, das Beste zu machen, was ich jemals geschaffen habe», äußerte sich der zu diesem Zeitpunkt schon schwerkranke Komponist – ein Mut, der sich nicht auf das Komponieren an sich, sondern auf die unmittelbare autobiografische Bedeutung bezog, die der Stoff besaß.
Die Zerrissenheit zwischen einem hehren apollinischen Kunstideal von Schönheit, Einfachheit und Form, das jegliche persönliche Sexualität sublimiert, und dem dionysischen Drang nach sinnlicher Erfüllung, die unerfüllte, mit zunehmendem Alter immer schmerzlicher bewusst werdende Neigung zu jungen Männern – in all diesen Konflikten des schaffensmüden Dichters Gustav von Aschenbach führte Britten zugleich die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Der 1973 uraufgeführte «Death in Venice» ist so vor allem Protokoll eines Kampfes, der weit über den Charakter einer schwulen Coming-Out-Story hinausgeht und in letzter Konsequenz vermutlich nicht einmal die Venedig-Kulisse bräuchte. Der Künstler, der jeden Ort ...
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