Protokoll eines Lebenskampfes

Jörg Königsdorf über Benjamin Brittens Spätwerk «Death in Venice» an der Hamburgischen Staatsoper und in Karlsruhe

Opernwelt - Logo

Als sich Benjamin Britten Ende der 1960er Jahre mit der Vertonung von Thomas Manns «Tod in Venedig» zu beschäftigen begann, stellte er sich einer Herausforderung, die er sein ganzes Leben über gescheut hatte. «Ich bin so mutig, das Beste zu machen, was ich jemals geschaffen habe», äußerte sich der zu diesem Zeitpunkt schon schwerkranke Komponist – ein Mut, der sich nicht auf das Komponieren an sich, sondern auf die unmittelbare autobiografische Bedeutung bezog, die der Stoff besaß.

Die Zerrissenheit zwischen einem hehren apollinischen Kunstideal von Schönheit, Einfachheit und Form, das jegliche persönliche Sexualität sublimiert, und dem dionysischen Drang nach sinnlicher Erfüllung, die unerfüllte, mit zunehmendem Alter immer schmerzlicher bewusst werdende Neigung zu jungen Männern – in all diesen Konflikten des schaffensmüden Dichters Gustav von Aschenbach führte Britten zugleich die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Der 1973 uraufgeführte «Death in Venice» ist so vor allem Protokoll eines Kampfes, der weit über den Charakter einer schwulen Coming-Out-Story hinausgeht und in letzter Konsequenz vermutlich nicht einmal die Venedig-Kulisse bräuchte. Der Künstler, der jeden Ort ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juni 2009
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Gut zitiert ist halb gewonnen

Auch in seiner italienischen Heimat wird Ottorino Respighi als Opernkomponist nur am Rande wahrgenommen. Für das deutsche Publikum ist er in erster Linie der Schöpfer der sinfonischen Rom-Trilogie, die immer wieder in den Konzertprogrammen auftaucht. Seine durchaus bühnenwirksamen Opern «Belfagor», «La campana sommersa» (nach Gerhard Hauptmann) und «La fiamma»...

Auf dem Lande

Immer wieder gewährt die Nationaloper Helsinki in dieser Spielzeit ihren Besuchern einen Blick auf die Seele Finnlands, so wie sie sich in Werken einheimischer Komponisten während der letzten 150 Jahre spiegelte. Hierzu gehört auch Leevi Madetojas erste Oper «Pohjalaisia» (Die Ostbottnier), die 1924 in Helsinki mit großem Erfolg uraufgeführt wurde. Das Opus empfand...

Rundum sorglos

Opernhäuser sind – zumindest in Deutschland – vom Staat hoch subventionierte Wirtschaftsbetriebe. Natürlich fließt hier als Umwegrentabilität durch die Ausgaben der Beschäftigten, der Gastkünstler und vor allem der Besucher ein Vielfaches an die Geldgeber zurück. Doch selbst ein so erfolgreiches Haus wie die Bayerische Staatsoper schafft kaum mehr als 30 Prozent...